Zwei Seen und das Meer: Die Cregennan Lakes

Die Straße schlängelt sich zwischen Hügeln hindurch und scheint immer schmaler zu werden. Rechts und links ist sie von niedrigen Mauern aus gestapelten Schieferstücken oder Zäunen begrenzt – würde uns jetzt ein Auto entgegenkommen, wir müssten ein ganzes Stück rückwärts fahren. Doch wie so oft in Wales sind wir die einzigen weit und breit.

Cregennan Lakes Wales
Cregennan Lakes Wales
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Je weiter wir kommen, desto langsamer werden wir, denn ich muss immer wieder aussteigen, um eines der Tore in den Weidezäunen zu öffnen. Schafe sitzen gemütlich am Straßenrand und kauen oder traben langsam neben uns her, nur ein lautes Hupen reißt sie aus ihrer Lethargie. Plötzlich taucht vor uns der See auf. Wir biegen in den völlig leeren Parkplatz ein und steigen aus. Der Wind pfeift uns um die Ohren, ich ziehe alles an, was ich dabei habe.

Nach dem sonnigen Vormittag, den wir in der Nähe von Dolgellau verbracht haben, hat sich der Himmel ganz schön zugezogen. Die grauen Wolken hängen tief über den Bergen am Horizont, nur vereinzelt lassen sie ein Stück blauen Himmel frei. In der Ferne verschwinden die ersten Gipfel zwischen den Wolken. Dem See steht das ganz gut, er wird vom türkisen Freizeitparadies für Fliegenfischer zu einem düsteren blaugrauen Bergsee voller Untiefen und Abenteuer.

Bis auf das Rauschen des Windes zwischen Gräsern und Heidekräutern und ab und an ein zufriedenes Schafsmähen ist es völlig still. Auf der einen Seite des Sees steht ein Haus, das mich an James Bonds Skyfall erinnert, auf der anderen Seite liegt ein kleines Bootshaus, ansonsten nichts, nur Berge, in Richtung Himmel immer blasser werdend.

Cregennan Lakes Wales
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Cregennan Lakes Wales
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Wir laufen los und merken schon nach ein paar Metern, dass dies ein ganz besonderer Ort ist. Im vorderen See liegt eine kleine kreisrunde Insel, nur ein paar Meter vom Festland entfernt, mit Bäumen, die hier mitten im Nirgendwo Wind und Wasser trotzen. Ringsum sind die Farben so intensiv – grün, lila, gelb, der Boden ist bedeckt von bunten Kräutern. Links von uns sticht ein Felsen daraus hervor, der sich trotzig in Richtung Himmel reckt.

Eine Schautafel empfiehlt uns, genau aufzupassen, dann werden wir auf unserem Weg um die Seen große Steine finden, die bereits in der Bronzezeit hier platziert wurden. Damals waren die Seen ein Zentrum für Zeremonien, das zugleich an einer wichtigen Route lag, für die die großen Steine als Markierung galten. Begräbnisstätten sind heute kaum mehr zu erkennen, Reste von Siedlungen fand man hingegen nicht – das spricht dafür, dass der Ort nur zeremoniell genutzt wurde und zu wichtig, oder vielleicht magisch, war, als dass Menschen ihn bewohnen konnten. Man muss nicht zweimal hinsehen, um zu verstehen, warum gerade diesem Ort damals eine besondere Bedeutung innewohnte.

Cregennan Lakes Wales
Cregennan Lakes Wales
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Auf dem Weg zum zweiten See wird der Boden immer feuchter und mooriger. Jeder Schritt macht ein lautes Schmatzgeräusch, und irgendwann ist es geschehen und ich stehe bis zum Knöchel in der Mischung aus Wasser, Matsch und Heidekraut. Wie gut, dass heute der erste Tag seit unserer Anreise ist, an dem ich beschlossen habe, dass ich meine Wanderschuhe ja auch mal gegen die nicht-wasserfesten Turnschuhe tauschen könnte. Ich merke, wie sich meine Socken langsam vollsaugen.

Dafür erscheint am Horizont langsam ein dünner Streifen Sonne, der Teile der Landschaft erstrahlen lässt. Am hinteren der beiden Seen sind wir nicht mehr ganz alleine – wir können einen Mann beim Fliegenfischen beobachten, und ganz in der Ferne sind zwei andere Wanderer unterwegs. Ein Zaunübertritt, eine Kurve und wir sind wieder alleine im feuchten Grün. Wir suchen die besten Wege, um möglichst trocken zu bleiben, doch Steine und Grasbüschel geben nach und irgendwann finden wir uns mit den nassen Füßen ab. Ein Wunder eigentlich, dass ich Tollpatsch nicht der Länge nach in die Wiese falle.

Cregennan Lakes Wales
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Cregennan Lakes Wales
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Links See, rechts Berg, die Unterschiede zwischen sanften Hügeln auf der einen und rauem Fels auf der anderen Seite könnten kaum größer sein. Wir folgen einem kleinen, endlich trockenen, Pfad immer weiter nach oben und schlängeln uns zwischen Heidekraut hindurch. Als wir oben stehen, steht uns die Überraschung ins Gesicht geschrieben: das Meer!

Auf dem Weg zum See, zwischen Hügeln und Felsen, hatten wir ganz vergessen, wie nah an der Küste wir uns befinden. Ein paar Sonnenstrahlen fallen herunter und bringen das Wasser zum Glitzern. Ganz hinten färbt sich der Himmel unter den Wolken langsam rot, darunter ist die Halbinsel Llyn zu erkennen, die von Wales aus in die Irische See ragt, und ganz in der Ferne, kaum noch mit bloßem Auge sichtbar, Irland. Ich weiß gar nicht, in welche Richtung ich blicken soll, Seen oder Meer. Wir stehen ergriffen, bis ich beschließe, dass ich nun lang genug nasse Füße hatte.

So ein wunderschöner Ort, bei magischer Lichtstimmung, und wir hatten ihn quasi für uns alleine. Wenn ich mir die Fotos ansehe, komme ich wieder ins Schwärmen. Die Cregennan Lakes in der Nähe von Dolgellau waren für mich ein kleines, stilles Highlight unserer Reise.

Cregennan Lakes Wales
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Wie gefallen dir meine Fotos? Ich würd mich riesig über ein Feedback in den Kommentaren freuen!

[ssba]

2 Gedanken zu “Zwei Seen und das Meer: Die Cregennan Lakes”

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