Was sich ändern muss… und was ein norwegischer Gletscher damit zu tun hat

Der Wind kommt beinahe waagrecht, und mit ihm der Regen. Nach ein paar Minuten ist mein linker Arm vollkommen durchnässt. Von richtiger Ausrüstung bin ich mit meiner Regenjacke und dem dünnen Stirnband weit entfernt. Die Kälte kriecht mir in die Knochen, aber das breite Strahlen auf meinem Gesicht hält eisern stand. Denn ich laufe tatsächlich auf dem Austdalsbreen, einem Nebenarm des größten Gletschers Festlandeuropas. 

Links von uns die Schlechtwetterfront, dafür reißt rechts in der Ferne die Wolkendecke auf. Im Sonnenlicht scheint das Weiß noch weißer, das Blau noch blauer. Der Gletscher ist von Jahrhunderten von Jahren geschaffener Marmor, durch sanfte Wellen ziehen sich dunkelgraue und schwarze Linien, dazwischen einzelne Spalten, frisch mit leuchtend weißem Schnee aufgefüllt. Und immer wieder dieses Blau, ganz sanft unter der Oberfläche oder strahlend tief beim Blick in eine der Spalten, so frisch und so glatt – als ob gerade jemand mit einem warmen Messer durch das Eis geschnitten hätte. Diese Linien, die Formen, wie ein gewaltiges Labyrinth.

Man merkt, angesichts dieser unbeschreiblichen Schönheit gehen selbst mir die Metaphern aus.

Es ist wahrscheinlich ein bisschen so wie die endlose Weite der Regenwälder der Amazonasregion: Man muss es selbst gesehen haben, um es glauben zu können, muss selbst im Bus gesessen haben, um Stunden über Stunden nichts anderes vor dem Fenster zu sehen als dünnen Nebel, der zwischen hohen Bäumen hängt, so wie man selbst auf diesem monströsen Wunderwerk aus Eis gestanden haben muss, um es tatsächlich zu realisieren.

Schwer zu glauben

Und selbst dann, selbst jetzt, wo ich meine Spikes mit jedem Schritt in den Gletscher bohre, ist es schwer zu glauben, dass dieser blaugrauweiße Eismarmor hundert Jahre und mehr alt sein kann. Es scheint paradox, aber in „wärmeren“ Regionen wachsen Gletscher durch das Zusammenspiel von Schmelzen und Gefrieren schneller. Hier in Norwegen, auf 1.200 Metern Höhe, dauert es viele Jahre, bis aus gefallenem Schnee Gletschereis wird. Und es braucht viele Kubikmeter Schnee – ganze achtzig Zentimeter Neuschnee für einen Zentimeter Gletschereis.

35 Meter ist die Gletscherwand hoch, die zum See abfällt. An den tiefsten Stellen reicht der Jostedalsbreen ganze 500 Meter in die Erde. Wir stehen quasi auf einem Stück Erdgeschichte, auf einer Formation, die lebt und sich bewegt und das seit so vielen Jahren vor unserer Zeit.

Doch allzu lange nach uns werden die Gletscher sich nicht mehr langsam durch das Land schieben. Geht man vom Schlimmsten aus, sind in nur einhundert Jahren fast alle norwegischen Gletscher verschwunden. Schätzungen des norwegischen Amts für Energieversorgung gehen davon aus, dass der Jostedalsbreen 2100 38 Prozent seines Volumens verloren haben wird. „Unser“ Gletscher, der Austdalsbreen, hat sich seit 1988 um 650 Meter zurückgezogen und 0,6km² Fläche verloren. Ein weiterer Nebenarm des Jostedalgletschers, der Nigardsbreen, ist allein seit dem Jahr 2000 um 300 Meter geschrumpft. Das, was seit 4000 bis 6000 Jahren existiert – einfach weg.

Die Kraft der Natur

Sicher aneinandergekettet, ist unser Weg durch den Gletscher langsam, immer wieder bleiben wir stehen. Wenn es weitergeht, muss jeder so lange warten, bis sich das Seil zum Vordermann gespannt hat. Wenn einer in eine Spalte schauen und das traumhafte Blau bewundern möchte, müssen die beiden Nebenmänner oder -frauen sich breitbeinig dahinter stellen, in Alarmbereitschaft. Mehrmals müssen wir auf unserem Weg umkehren, weil wir im Wirrwarr der Spalten nicht weiterkommen – oder das Eis hier einfach zu unsicher ist. Unter uns plätschert es, kleine Bäche fließen in Richtung See, alles bewegt sich, knackt und kracht. Mehrmals täglich gehen unten an der riesigen Steilwand mit lauten Geräuschen Eisblöcke ab, die dann auf dem ruhigen Wasser treiben und nach und nach schmelzen.

Vollkommen ausgekühlt, bekommen wir nach der Hälfte unserer Tour einen Becher heiße Schokolade, mitten auf dem Gletscher. Wir sehen einer anderen Gruppe zu, die über den Gletscher wandert, wie ihre kleinen Körper sich in der riesigen Eisfläche verlieren. Je näher man dem steilen Abbruch des Gletschers am See kommt, desto mehr reißt das Eis auf, desto mehr Spalten ziehen sich durch den Grund. Irgendwann ist es Zeit, umzukehren. Wir ziehen die umständlich festgeschnürten Spikes von den Wanderschuhen und setzen unsere Füße wieder auf den festen Geröllboden.

Mit dem Motorboot geht es zurück über den See, der aus unerklärlichen Gründen Styggevatnet heißt, der hässliche See. Über seinem eisblauen Wasser schenkt er uns sogar noch einen Regenbogen.

Naturgewalten und Klima

Unsere Tour endet, wo sie begonnen hat: am Breheimsenteret, einem Infozentrum mit Museum zum Jostedalsbreen, dem größten Festlandgletscher Europas. Von hier aus hat man den perfekten Blick auf den Briksdalsbreen, den „Hauptarm“ des Gletschers. Und hier bekommt man einen besonders dramatischen Eindruck von der Gletscherschmelze: 2004 reichte die Gletscherzunge noch bis zum Wasser herab – man konnte als Besucher direkt danebenstehen. Heute hat sie sich bereits so weit zurückgezogen, dass man sie nur noch aus der Ferne bestaunen kann.

Vielleicht ist das mit dem Klimawandel so wie mit den Regenwäldern und Gletschern dieser Erde: Natürlich wissen wir immer, dass all diese Dinge existieren, dass sie größer und gewaltiger sind als wir. Aber solange wir sie nicht wirklich mit eigenen Augen sehen, solange wir nicht davorstehen, können wir das trotzdem nicht so wirklich glauben.

Nur dumm, dass das mit dem Klimawandel eine Art selbsterfüllende Prophezeiung ist: Schon allein, um ihn mir vorstellen zu können, scheine ich ihn verstärken zu müssen.

So schön die Wanderung auf dem Austdalsbreen auch ist, meine Schritte werden schwerer und schwerer. An meinen Beinen hängen nicht nur die Metallspitzen, die mich vor dem Abrutschen bewahren, sondern auch kiloweise Schuldgefühle. Eigentlich müsste meine Wanderung ein Bußgang sein. Andererseits – was sollte das bringen? Der Klimawandel ist materielle Realität, die sich keinen Deut für mich und meine winzige Existenz interessiert, und kein Gott, der mir gnädigerweise meine Fehler vergeben könnte.

Mein Bußgang

Meine Fehler? Ein Leben auf dem Rücken der Natur. Einerseits, weil es so häufig nicht anders geht – ich muss essen, heizen, mich anziehen und ab und an von A nach B fahren. Andererseits, weil sich viele kleine Nicht-drüber-nachgedachts und Ist-doch-nicht-so-schlimms aneinanderreihen. Oder weil ich tatsächlich ganz bewusst die Augen verschließe. Bei jedem Flug, zum Beispiel. Ich rede mir ein, dass es nicht anders geht, weil das Reisen als Reisebloggerin zu meinem Alltag gehört. Ich behaupte, dass ich woanders einspare, weil ich wenig Fleisch esse und kaum neue Klamotten kaufe. Oder ich denke, dass ich alleine ohnehin kaum etwas bewegen kann und auf die Änderung politischer Rahmenbedigungen warten muss.

Ja, ich weiß: Alles Bullshit. Einerseits muss ich nicht reisen, um zu erzählen, und zum Reisen muss ich außerdem nicht fliegen. Und andererseits mag es stimmen, dass eine einzelne Person wenig ausmachen kann – aber nichts zu tun, macht es eben ganz einfach nicht besser.

Aber genauso, wie ich anscheinend einen norwegischen Gletscher brauchte, um mir mal wieder Gedanken über die Welt zu machen, so ging das bisher ganz gut mit dem Augenverschließen und der Suche nach Rechtfertigungen. Die eigenen Bequemlichkeiten sind wie so oft am allerwirksamsten.

Ein Bußgang, den kann der Austdalsbreen nicht brauchen. Und so stehe ich auf dem Gletscher nicht nur mit einer Entschuldigung, sondern vor allem mit einem Versprechen im Kopf. Die Reise- und Flugexzesse des vergangenen Jahres möchte ich erst einmal nicht wiederholen. Stattdessen werde ich erst mal gar nicht mehr fliegen – voraussichtlich bis Herbst 2018. Ich werde insgesamt weniger und wenn, dann in der Nähe reisen, aber gleichzeitig auch Reisen, die ich sonst per Flugzeug gemacht hätte, mit Zug, Bus oder Auto unternehmen, wie beispielsweise bald nach England. Und ich werde darüber berichten, über alle Vor- und Nachteile – und hoffentlich den ein oder anderen auch dazu inspirieren, mal aufs Fliegen zu verzichten.

Weil sich was ändern muss, nicht nur, aber auch dem Austdalsbreen zuliebe. Durch meine Entscheidung wird er nicht anwachsen. Und ja, ich weiß, auch wenn ich weniger fliege, noch weniger Fleisch esse, noch weniger Müll produziere und noch weniger Dinge kaufe, dann bin ich immer noch weit entfernt von einem umweltbewussten oder gar klimaneutralen Leben. Aber, ganz ehrlich, wie feige und langweilig wäre es denn, aufzugeben, bevor man überhaupt richtig angefangen hat?

Mehr Informationen

Der Jostedalsbreen und die Gletscherschmelze
Der Jostedalsbreen ist der größte Gletscher auf dem europäischen Festland und liegt in der norwegischen Provinz Sogn og Fjordane, nördlich des Sognefjords. Gerade die norwegischen Gletscher sind vom Klimawandel stark betroffen – und mit ihnen die Energieversorgung des Landes. Einen interessanten Artikel dazu gibt es beim Bayerischen Rundfunk. Besonders krass sind auch die Vergleichsbilder zu den norwegischen Gletschern, die man auf der Seite der NVE sehen kann.
Die Gletschertour
Wer nun auch Lust bekommen hat, auf dem Austdalsbreen zu wandern, sollte sich die Touren von Icetroll ansehen. Am Jostedalgletscher bieten sie verschiedene Ein- und Mehrtagesaktivitäten an. Unsere Tour war die „Kayak and Glacier Walk“ – das Kajaken musste jedoch aufgrund des schlechten Wetters ausfallen. Auch über die Touren hinaus zu empfehlen ist das Breheimsenteret, das Besucherzentrum des Nationalparks – allein schon wegen der großartigen Aussicht!
Flüge und der CO2-Ausstoß
Wir alle wissen, dass Flüge nicht gut sind fürs Klima. Genaue Zahlen sind jedoch immer wieder erschreckend – vor allem der Unterschied im CO2-Ausstoß zwischen Auto, Bahn, Bus und Flugzeug. Einen ausführlichen und gut recherchierten Artikel mit vielen weiterführenden Links findet ihr, wenn ihr euch informieren möchtet, auf Wireless Life. Eigene CO2-Emissionen durch Flüge kann man über die verschiedenen Kompensations-Anbieter errechnen lassen. Oder man nutzt den UmweltMobilCheck der Bahn, der für die gewählte Strecke verschiedene Verkehrsmittel anhand ihrer Ökobilanz vergleicht.
Mehr lesen
Einen ausführlichen Bericht über die Wanderung am Austdalsbreen gibt’s beim Hostelmax. Mehr Norwegen-Fernweh gefällig? Schaut doch mal bei meinen Blogger-KollegInnen vorbei: Die Ausreißerin und Ferngeweht haben eine ganze Menge Norwegen-Artikel auf ihren Blogs. Inka von Blickgewinkelt war bei den Sami und ihren Rentieren. Kathrin von Fräulein Draußen war für eine Nacht Leuchtturmwärterin. Oli von Kaffeeersatz erzählt von einer Fjordtour, ebenfalls mit Gletscherwanderung. Artis und Renate erzählen bei den Travel Episodes von ihrer Elternzeit in Norwegen. Und zuletzt noch eine Buchempfehlung: In „Norwegen der Länge nach“ geht’s um eine ganz besondere Wanderung quer durch das Land.
Die Gletschertour – Transparenzhinweis
Für die Gletschertour wurde uns freundlicherweise ein Presserabatt gewährt. Meine Begeisterung ist allerdings unbezahlbar und bleibt davon unberührt – in diesem wie in allen Artikeln veröffentliche ich stets meine ehrliche Meinung 🙂
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6 Gedanken zu “Was sich ändern muss… und was ein norwegischer Gletscher damit zu tun hat”

  1. Liebe Ariane,
    frohes Neues Jahr! Ich finde es echt super, dass du 2018 erstmal aufs Fliegen verzichten wirst und würde mir einen solchen Schritt auch von vielen anderen Reisebloggern wünschen. Ich habe 2017 schon bewusst aufs Fliegen verzichtet, genauer gesagt seit August 2016. Allerdings werde ich in der ersten Hälfte 2018 die guten Vorsätze leider mindestens 2 x brechen müssen :-(. In Europa könnte man eigentlich alles gut ohne Flugreisen bewältigen. Viele Dienstreisen sind total überflüssig oder könnten auch mit der Bahn/Schiff erledigt werden, wenn die Arbeitgeber einem einfach etwas mehr Zeit zur Verfügung stellen würden. Es würde weniger Dienstreisen geben und diejenigen die durchgeführt werden, wären sehr wahrscheinlich wirklich sinnvoll. Aber Bahn- und Fährüberfahrten müssten auch einfach günstiger werden. Gerade war man für längere Fährüberfahrten in der Hochsaison hinblättern muss, ist kaum fassbar und für Niedrigverdiener kaum bezahlbar 🙁 .

    1. Liebe Heike,
      dir ebenfalls erst einmal ein frohes Neues! 🙂 Ich finde es großartig, dass du dein Reiseverhalten so reflektierst. Manchmal geht es eben nicht anders, und ich finde es auch falsch, sich ständig zu rechtfertigen – während andere, ohne darüber nachzudenken, ständig für Wochenend- oder gar Tagestrips in Europa fliegen. Das mit den Preisen stimmt auf jeden Fall und macht mich auch immer wieder richtig wütend – auch per Bahn zahlt man leider oft das Zwei- oder Dreifache des Flugpreises. Das ist so unnötig und da bräuchte es, wie ich finde, wirklich ein Gegensteuern durch die Politik.

  2. Hallo, Ariane!!!
    Du hast so interessant und eindrucksvoll über den norwegischen Gletscher geschrieben, dass ich auch dorthin gehen und diese großartige Atmosphäre erleben wollte)))
    Ich mag keine Kälte, obwohl ich im Winter geboren wurde.
    Aber um solche Schönheit zu sehen, bin ich bereit zu frieren)))
    Ich bin dir dankbar!!!

  3. Hallo Ariane, ein interessanter Artikel und tolle Bilder. Die norwegischen Gletscher möchte ich im nächsten Jahr unbedingt sehen. Die Gletscher in den Alpen kann ich immer wieder bewundern. Leider schmelzen sie auch.
    Ich bin bereit, für die Umwelt wesentlich weniger Auto zu fahren. In diesem Jahr habe ich schon zwei Wochenendtrips mit dem Zug gemacht. Wenn man alleine reist, ist es meistens nicht viel teuer als das Autofahren (Benzin und Mautkosten).
    LG
    Ina

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