Durch den Fjord mit den Trolljägern

„Siehst du das blaue Licht an meinem Boot?“ Man kann es kaum übersehen, so glitzernd hängt es zwischen den schlichten, praktischen Notwendigkeiten eines Fischerbootes. „Es gibt da so einen Kultfilm hier“, fährt Tor mit seiner Erklärung fort. „Trollhunter?!“, frage ich und sehe ihn zum ersten Mal begeistert, ach was, mit überhaupt einer Gefühlsregung. „Hast du den Film gesehen?! Ich bestimmt viermal! It’s so local!“ In dem Film erfährt eine Gruppe Studenten, dass Trolle entgegen aller Meinungen doch existieren. Das einzige, was diese davon abhält, Menschen zum Abendessen zu verspeisen, ist grelles blaues Licht. „Manchmal fallen hier Bäume um – man weiß ja nie“, sagt Tor, und sein Gesichtsausdruck sieht aus, als hätte er nichts einzuwenden gegen so ein Abenteuer.

Tor und Lars, der Fischer und der Ausflugsbootfahrer, sind das genaue Gegenteil voneinander. Lars der ruhige, blonde, bodenständige Local, der in elfter Generation eine Farm betreibt und die Sache mit den Fjordtouren eher pragmatisch sieht, Tor der drahtige, ergraute, verrückte Weltenbummler mit dem Funkeln in den Augen. Wären sie die Protagonisten in einem Abenteuerfilm, Lars wäre der besonnene Macher, Tor der mehr als verschrobene Visionär. Je länger ich darüber nachdenke, desto besser gefällt mir die Idee. Die beiden würden gut passen in Trollhunters 2.

Tor auf seinem Fischerboot

Das Örtchen Balestrand am Sognefjord

Getroffen habe ich die beiden in Balestrand, einem kleinen Örtchen mit nur etwas mehr als 1.000 Einwohnern direkt am Sognefjord, dem längsten und tiefsten Fjord Norwegens. Lars wird uns gleich mit rausnehmen auf seinem Boot, und da er Reiseblogger spannend findet, schlägt er vor, vorher noch einen Kaffee gemeinsam zu trinken und ein Stück Kuchen zu essen. Den mit den Pflaumen, den würde er empfehlen, die hat er nämlich selbst von seinen eigenen Bäumen geerntet. Wir trotzen Kälte und Regen und suchen uns tatsächlich draußen einen Tisch, zum Glück wenigstens überdacht.

Lars wirkt wie jemand, der erst auftauen muss, bevor er Gefühlsregungen zeigt, davor verrät nur das schiefe Grinsen, dass einem jemand gegenübersitzt, mit dem man bestimmt viel Spaß haben kann. Der Fjord, dieser unendlich lange Wasserarm (was einen, wenn man im Auto komplett darum herum fahren muss, regelmäßig zur Verzweiflung bringt), der an jeder Ecke den Blick freimacht auf eine komplett andere Landschaft, war für ihn immer normal. Die Schönheit darin sieht er erst, seitdem er Touristen herumschippert. „So viele, die schon viel gereist sind, haben gesagt, das hier war das absolute Highlight ihres Trips“, erzählt er mit einem Schulternzucken. „Erst dachte ich, die wollen nur nett sein, aber als immer mehr so begeistert waren, dachte ich mir: Vielleicht ist doch was dran.“ Er lacht, als könnte er es immer noch nicht so richtig glauben, dass wir extra aus Deutschland angereist sind, nur um hier Fjord und Berge zu bestaunen.

Was Lars und Tor vereint, ist die Begeisterung für das Örtchen Balestrand. Es ist groß genug, damit sich Unternehmen wie ihre ansiedeln können, aber zu klein für die verhassten Kreuzfahrtschiffe. Und so klein, dass man die Touristen immer wieder trifft. Nach einem Tag kennt man hier alles und so gut wie jeden, und Lars quasi ganze Lebensgeschichten seiner Bootspassagiere.

Lars beim Kaffeetrinken – danke an Hostelmax für das tolle Foto!

Tour durch den Sognefjord

Wir haben allerdings keine Zeit dafür, unsere auszutauschen – denn es geht los. Mir wurde vorher irgendetwas von einem großen, überdachten Ausflugsdampfer erzählt und ich stehe in Strumpfhose und Röckchen vor dem aufblasbaren Rib-Boat, mit dem wir gleich durch den Fjord schippern werden. Der Regen ist mittlerweile schwächer geworden und so langsam verziehen sich die Wolken zurück in Richtung Bergspitzen. Lars schaut in die Ferne und nickt zufrieden: „Den Regen werden wir gleich nur noch beim Fahren spüren.“ Na, super. Ein schöner Tag für eine Bootsfahrt.

Zum Glück bekommen wir dicke knallgelbe Anzüge, in denen ich mich fühle wie irgendwo zwischen Bauarbeiterin und Yeti. Eine dicke Kapuze obendrauf, und vor allem richtig fette Handschuhe. Beim Umziehen merke ich langsam, wie mir ein fast schon unbekanntes Gefühl langsam in den Körper steigt – ist das tatsächlich Wärme? Ich glaube, zum ersten Mal seit unserer Ankunft in Norwegen ist mir nicht eiskalt. Gegen den Fahrtwind haben wir dicke Brillen, und Lars kennt tatsächlich noch ein anderes Gas als Vollgas – die Fahrt gemütlich zu nennen, wäre vielleicht übertrieben, aber ich bin gerade froh, dass das „Fjord Adventure“ seinem Namen nicht so richtig alle Ehre macht.

Wir halten immer wieder an, um Wasserfälle und Berge zu bestaunen – wobei beide schon in geringer Höhe im Dunst verschwinden. Ein Pflicht-Stop ist natürlich auch die Wikinger-Statue in Vangsnes, die zu ihrer Zeit von einer Sage über Frithjofs Liebe zu Ingibjorg inspiriert wurde – weder Personen noch Sage muss man kennen, um den Witz zu verstehen: Gerade aus der Ferne sieht die Figur mit den schlanken Beinen und der adretten Uniform wirklich nicht aus wie ein Wikinger. Kein Wunder, schließlich war sie ein Geschenk des deutschen Kaisers Wilhelm II. – und Wikinger als wilde Männer mit Vollbärten und Fellmänteln darzustellen, überstieg Anfang des 20. Jahrhunderts wahrscheinlich sowohl dessen Vorstellungskraft als auch die seines Bildhauers.

Obstfelder und Wurzelnschlagen

Kurz darauf passieren wir eine Insel und selbst Fahrgäste ohne maritime Kenntnisse merken, dass das Wasser hier, in der Enge zwischen Festland und Insel, um einiges ruhiger ist. Dieser Arm des Sognefjords diente früher als eine Art Schutzraum: Selbst während starker Stürme konnten Seefahrer hier vergleichsweise ruhiges Meer vorfinden und auf besseren Wind warten. Wahrscheinlich hat man deswegen im 13. Jahrhundert eine Kirche auf die winzige Insel gebaut. Die heute übrigens immer noch benutzt wird – allerdings nur von Mai bis Oktober, denn es gibt dort keine Heizung.

Inzwischen haben es tatsächlich ein paar Lichtstrahlen geschafft, sich den Weg durch das Grau zu bahnen, und scheinen von oben auf die tief hängenden Wolken. Die Berggipfel ragen bullig und dunkel davor auf und schenken uns nochmal eine einwandfrei gruselige Trollhunters-Kulisse.

Auf dem Rückweg macht Lars noch einen kleinen Umweg, denn er möchte uns seine Farm zeigen, seine Pflaumen- und Apfelbäume. Langsam führt er das Boot daran vorbei, und wir können gar nicht anders, als beeindruckt zu nicken über die Pflanzen, die artig in Reih und Glied stehen, so stolz, wie Lars dabei aussieht. Seine Obstbäume und den damit gebackenen Kuchen, den das Café direkt an der Bootsanlegestelle verkauft, sind für ihn so viel besonderer als die Landschaft rund um den Fjord, die uns Gäste dazu verleitet, alle paar hundert Meter aus dem Auto zu springen, um mit offenem Mund zu schauen oder ganze Speicherkarten vollzuknipsen.

Ich weiß nicht, ob ich mich wundern soll – Heimat bedeutet eben für jeden etwas anderes.

Wieder zu Hause, zwischen der Stadt, in der ich eher widerwillig wohne, und den Orten, an denen mich nicht viel gehalten hat, denke ich an Tor und Lars, an ihre glücklichen Blicke und ihre bescheidenen Worte über dieses überwältigende Land. Daran, wie stolz Lars seine Blicke vom Wasser aus über seine kleine Farm hat streifen lassen. An Tors Blaues-Licht-Aufrüstung für das eigene Boot.

Und, auch wenn das nach ’ner merkwürdigen Mischung aus romantischer Komödie und Uroma-Weisheit klingt, und auch, wenn’s vielleicht daran liegt, dass ich diesen Text, mal wieder, im Zug schreibe – denke ich mir: So will ich auch mal Wurzeln schlagen, irgendwo.

Mehr Informationen

Balestrand
Balestrand ist ein wirklich kleines Örtchen direkt am Sognefjord. Obwohl hier nicht viele Menschen leben, gibt es touristisch einiges zu sehen – nicht nur eine alte Holzkirche, sondern auch ein Museum über Reisen und Tourismus und ein Aquarium. In der Touristeninformation wird einem sehr freundlich und teils sogar auf Deutsch geholfen.
Die Fjord-Aktivitäten
Wer Lust hat, mit Lars auf’s Rib Boat zu steigen, der kann sich bei Balestrand Fjord Adventure näher umsehen. Tor bietet über Balestrand Fjord Angling Angeltouren an. In der Nähe von Balestrand gibt es übrigens einen schönen Wanderweg vorbei an mehreren Wasserfällen, den wir selbst teilweise erkunden konnten.

Mehr lesen könnt ihr übrigens beim Hostelmax, der auf seinem Blog ebenfalls seine Erlebnisse von der Fjord-Tour schildert.

Die Fjordtour – Transparenzhinweis
In Norwegen war ich mit der Reiseblogger-WG unterwegs – selbstbezahlt. Zur Fjordtour mit Lars wurden wir aber freundlicherweise eingeladen – die Tour war für uns kostenlos. Meine Begeisterung ist allerdings unbezahlbar – in diesem wie in allen Artikeln veröffentliche ich stets meine ehrliche Meinung 🙂
[ssba]

5 Gedanken zu “Durch den Fjord mit den Trolljägern”

    1. Liebe Sabine, danke für deinen Kommentar 🙂 Das stimmt, würde einen nicht wundern, wenn man so nachts durch die Berge fährt…

  1. Das ist ja echt ein toller Artikel geworden! Klasse Inspirationen für die nächsten Reisen. Vielen Dank, dass ich mitmachen durfte!!
    Liebe Grüße
    Yvonne

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