Deine Buddha Bowl wird die Welt nicht retten

Die Brände im Amazonas haben sie wieder hervorgeholt: Die anklagenden Artikel über die individuelle Verantwortung gegenüber dem Klima. „Was dein Fleischkonsum mit dem brennenden Regenwald zu tun hat“, schreiben nicht nur Tierschutz-Organisationen, sondern auch Blogger*innen und Influencer*innen in Storys und Artikeln. „Wie viel Regenwald zerstört dein Lifestyle?“, war schon 2016 der Titel eines vielgeteilten Artikels. Auf Twitter und Instagram folgen Bekenntnisse einzelner Nutzer*innen zum veganen Lebensstil oder zum Nicht-mehr-Fliegen. Auf jeden heißen Sommer, auf jedes Statement von Greta Thunberg, auf jede Horrornachricht, die das Weltklima betrifft, reagiert die Online-Welt vor allem mit der Individualisierung gesellschaftlicher Probleme.

Die ästhetische Individualisierung von Klimaschutz

Versteht mich nicht falsch: Mir ist die Verbindung zwischen Fleischkonsum und Sojaanbau in Brasilien durchaus bewusst und ich freue mich über jede Person, die sich für eine (auch teilweise) vegan-vegetarische Ernährung entscheidet. Jeder Flug, der zugunsten einer Zugreise oder der Wahl eines näheren Urlaubsziels nicht angetreten wird, ist ein Erfolg. Und natürlich ist es klasse, dass Blogger*innen und Influencer*innen mit nachhaltigem Beispiel voran gehen und ihre Reichweite dafür nutzen und nicht für’s Bewerben von H&M und Schweineschnitzel.

Das Problem, das ich sehe, ist die Zerlegung übergroßer politischer und wirtschaftlicher Probleme in winzige Einheiten individueller Verantwortung. Auf Social Media-Kanälen und Blogs steht fast ausschließlich die eigene „Entscheidung“ im Mittelpunkt, wenn es um Umwelt- und Klimaschutz geht: Selbstverständlich soll man nicht fliegen, um der Klimaerwärmung entgegenzuwirken, kein Fleisch und möglichst gar keine Tierprodukte konsumieren, das vegane Essen in so wenig Verpackung (und vor allem so wenig Plastik) wie möglich transportieren, faire Kleidung oder Second Hand kaufen.

Auf Instagram wird schnell deutlich, dass dabei außerdem vor allem die Probleme und Lösungen im Vordergrund stehen, die sich adrett und wenig komplex präsentieren lassen: Vegane Buddha Bowl statt Hackfleisch, fancy Vintage-Jeansjacke statt Primark-Tüte, Zero Waste-Metallbox statt Styroporverpackung.

Warum schreiben eigentlich so viele von Alternativen zu Plastikstrohhalmen und so wenige über das Nutzen von Ökostrom? Warum finden sich auf Instagram so viele Müllvermeidungs-Manifestos und so wenig Statements für die Unterstützung nachhaltiger Politiken und Parteien? Ich werde das Gefühl nicht los, dass an Stelle einer tatsächlichen Beschäftigung mit sinnvollen Maßnahmen für den Klimaschutz häufig eher ein attraktiver Feed im Mittelpunkt steht, ein ästhetisches, nachhaltiges Online-Leben, das einem Absolution erteilt und sich noch dazu gut vermarkten lässt. Besonders gut klappt das natürlich, wenn man „normalen“ Konsum durch nachhaltige Produkte ersetzt und Werbung für Bambuszahnbürsten und faire Unterwäsche in die Posts einbauen kann.

Reiseblogs und das Dilemma der Nachhaltigkeit

Beim Fliegen wird das Ganze natürlich schwierig: Nachhaltige Lifestyle-„Sinnfluencer*innen“ stehen vor dem Problem, wie man die bunte Smoothiebowl vor der Yogastunde auf Bali mit Klimaschutz in Einklang bringen kann.

Reiseblogger*innen fliegen nicht nur nach Bali, sondern an diverse Fernreiseziele, und sie posten Bilder von Sandstränden, Regenwäldern und Strandhütten, die garantiert Sehnsucht wecken. (Was im Übrigen häufig ihr Job ist: Wer auf Pressereisen nach Martinique oder Myanmar eingeladen wird, soll im Anschluss natürlich dazu beitragen, dass sich Tourist*innen auf den Weg zu diesen Ländern und Regionen machen.) Teils geben sie sogar Tipps dafür, wie man besonders günstige Flüge ergattern kann.

Wer sein Nachhaltigkeits-Engagement trotzdem kommunizieren möchte, tut das häufig über reuige Artikel mit Plänen zur Besserung (hier ist übrigens meiner), in denen das Fazit häufig lautet, dass Flüge ja letztendlich notwendig sind, um Menschen zu verbinden und Verständnis zu schaffen: „Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die der Leute, welche die Welt nie angeschaut haben“, sagte schon Alexander von Humboldt (der übrigens noch 22 Tage für die Überfahrt nach Amerika brauchte und schließlich fünf Jahre lang auf dem Doppelkontinent blieb), und der war sogar selbst Nachhaltigkeitsadvokat, ist also doppelt zitationswürdig. Im letzten Abschnitt dieser Texte dürfen selbstverständlich Links auf Kompensations-Anbieter wie Atmosfair nicht fehlen. Viele Blogger*innen promoten immer mehr nahe Ziele in Deutschland und Europa, manche machen Werbung für Zugreisen und einige wenige haben versprochen, tatsächlich gar nicht mehr zu fliegen.

Sinnvoll ist das allemal: Artikel, die das Fliegen kritisch thematisieren, erreichen womöglich Menschen, die noch gar nicht darüber nachgedacht hatten, ihre Kurztrips nach London oder Mailand auch nur finanziell zu kompensieren – und vielleicht nicht einmal wissen, dass an diese Orte auch gemütliche Zugreisen führen. Genauso, wie jede hübsch inszenierte vegane Bolognese die Chance hat, eine Fleischmahlzeit zu ersetzen, und jedes verträumte Foto aus dem Fenster eines Nachtzugs womöglich jemanden im nächsten Sommer zu einer klimafreundlicheren Reise inspiriert.

Gesellschaftliche Probleme brauchen mehr als individuelle Lösungen

Es ist gut und wichtig, dass Blogger*innen und Influencer*innen sich überhaupt mit solchen Themen beschäftigen – und natürlich sind solche Posts um einiges sinnvoller als das Gros der Beiträge, das (man vergisst das in der eigenen Blase manchmal) sich einen Dreck um faire Produktionsbedingungen, nachhaltigen Konsum oder den CO2-Ausstoß von Langstreckenflügen schert.

Doch all diese Klima-Warnrufe und Nachhaltigkeits-Tipps vernachlässigen größere gesellschaftliche und wirtschaftliche Zusammenhänge: Dass Umweltzerstörung und Klimawandel die Folgen eines globalen ökonomischen Systems sind, das sich aufgrund reiner Profitorientierung herzlich wenig Grenzen auferlegt, um Umwelt und Klima zu schonen. Dass die Politik hier in der Verantwortung steht. Dass kollektiv verursachte Probleme nicht individuell gelöst werden können, und schon gar nicht mit Glasstrohhalmen und Bambuszahnbürsten. Dass es politische und wirtschaftliche Gesamtlösungen braucht, um der aktuellen Krise zu begegnen – und dafür eine größere Masse an kritischen Konsument*innen allein nicht ausreicht. Falls diese überhaupt erreicht werden kann, da sich Online-Diskurse über Nachhaltigkeit natürlich immer auch ein wenig im eigenen Saft drehen.

Wer Klimaschutz immer wieder ausschließlich in Verbindung zu individuellem Handeln präsentiert, der entlässt Politiker*innen und Unternehmer*innen aus der Verantwortung, Lösungen zu finden und tatsächlich etwas zu ändern. All die Forderungen nach Flugverzicht und weniger Fleisch unterstützen damit im Grunde die neoliberale Idee von „Eigenverantwortung“: Nicht Unternehmen oder politische Entscheidungsträger*innen sind schuld an der Misere, sondern wir alle. Und wenn das System versagt, soll dies nicht durch Gesetze korrigiert werden, sondern durch die Kaufentscheidungen der oder des Einzelnen.

Öko-Aktivismus mit klassistischem Anklang

Noch dazu ist fraglich, ob gerade die Probleme und Lösungen, die auf Blogs und Social Media am liebsten präsentiert werden, tatsächlich so weitreichend sind, wie sie scheinen: Der Flugverkehr macht, obwohl er stark wächst, nur wenige Prozent der weltweit ausgestoßenen klimaschädlichen Emissionen aus. Unter den zehn größten Klimasündern Europas sind dagegen sieben deutsche Kohlekraftwerke. Das heißt nicht, dass wir ohne schlechtes Gewissen durch die Welt jetten sollten – aber was, wenn wir einen weitgehenden Flugverzicht mit dem Wechsel zu erneuerbaren Energien verbinden und uns parallel auf politischer Ebene für einen schnellen Kohleausstieg einsetzen?

Das, was Influencer*innen und Blogger*innen gerne fordern, hat zudem einen klassistischen Anklang: Gerade die Entscheidung, aufs Fliegen zu verzichten, steht nicht allen Menschen offen. Wer beispielsweise als Migrant*in weit weg von der eigenen Familie lebt, ist hier klar im Nachteil gegenüber allen, deren Eltern nur eine U-Bahn-Fahrt entfernt wohnen. Flüge um die halbe Welt lassen sich dabei nicht durch Zug- oder Busreisen ersetzen, und auch hat nicht jede*r die Zeit und das Geld für eine mehrtägige Anreise – abgesehen davon, dass einem teils stundenlange Internetrecherchen bevorstehen, wenn man Zugreisen durch Europa plant. Zero Waste wird im Discounter schwierig, wo Paprikas und Tomaten fast immer doppelt und dreifach in Plastik eingepackt sind.

Wer versucht, klimafreundlich zu leben, wird schnell merken, wie viel Anstrengung das teils erfordert: Allein sich jeden Tag vegan, saisonal und verpackungsfrei zu ernähren, ist ein Aufwand, den man erst einmal erbringen muss, gerade, wenn man vielleicht nicht in einer Stadt lebt, die mit Unverpackt-Läden und veganen Imbissen aufwartet.

So werden Menschen, die über wenig Geld verfügen oder schlicht und einfach keine Kapazitäten haben, sich mit all diesen Dingen zu befassen, nicht nur aus der Nachhaltigkeits-„Szene“ ausgeschlossen, sondern auch indirekt mit Schuld beladen: Wenn die Klimakrise auf individuellen richtigen und falschen Entscheidungen fußt, sind sie eindeutig nicht auf Seite der Guten. Scham darüber, nicht teilhaben zu können und anscheinend das Falsche zu tun, führt dann womöglich zu völliger Apathie.

Hier laufen dann natürlich auch die häufig genannten Vorschläge von CO2-Steuern oder generell der Verteuerung von allem, was klimaschädlich ist, ins Leere.

Individuellen Aktivismus in größere Zusammenhänge einordnen

Und jetzt? Natürlich wäre es absolut kontraproduktiv, auf die Präsentation von Plastik-Alternativen und die Veröffentlichung veganer Rezepte zu verzichten. Dass die individuelle Verantwortung nicht die großen Probleme der Welt lösen kann, ist keine Entschuldigung dafür, Kaffee im To Go-Becher zur Schnitzelsemmel zu bestellen, dreimal im Jahr nach Asien oder Südamerika zu fliegen und diesen Lifestyle auch noch bei seinen Followern zu promoten.

Der Flugverkehr mag zwar nur für einen kleinen Teil der weltweiten Emissionen verantwortlich sein, dennoch ist es ein Teil, der vergleichsweise gut eingespart werden kann – für die meisten von uns wird es leichter sein, auf eine Zugreise umzusteigen, anstatt auf eine beheizte Wohnung im Winter zu verzichten. Ähnlich steht es beispielsweise mit Mikroplastik in Kosmetik, dessen Einfluss auf das Plastik-Problem zwar sehr gering ist, sich aber viel besser vermeiden lässt als beispielsweise der Abrieb von Autoreifen und Schuhen.

Und natürlich zeigt sich immer wieder, dass die individuellen Entscheidungen von Konsument*innen im kleinen Rahmen auch wirkungsvoll sind: Immer mehr Restaurants bieten vegane Gerichte an, vegetarische Optionen scheinen mittlerweile selbst in bayerischen Dorfbiergärten Standard zu sein (was zu meiner Schulzeit noch anders war). Große Supermarkt-Ketten nehmen Plastiktüten aus dem Sortiment, suchen nach Alternativen für Obst- und Gemüseverpackungen oder richten Pfandsysteme für Milchflaschen ein.

Doch nachhaltige Kaufempfehlungen und individueller Aktivismus kommen an ihre Grenzen, wenn wir wirklich etwas verändern wollen – und sie erreichen häufig nur eine kleine, vergleichsweise privilegierte Gruppe.

Sinnvoller wäre es meiner Meinung nach, den eigenen Aktivismus in größere Zusammenhänge einzuordnen: Zu erklären, warum Zugreisen cool sind – und gleichzeitig festzustellen, welchen Nachholbedarf es politisch gibt, wenn Bahntickets das Zehnfache des Ryanair-Preises kosten. Die Reduzierung von Plastik zu promoten, sie aber nicht als Weg zur Weltrettung hochzustilisieren. Sich nicht nur mit schön angerichteten Buddha Bowls zu beschäftigen, sondern auch auf weniger „sexy“ Themen wie Ökostrom und Kohleausstieg einzugehen. Die Politik nicht aus den Augen zu verlieren. Auch mal streitbar zu sein und eine Haltung zu vertreten, die vielleicht nicht ausschließlich auf Zustimmung stößt.

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Keine Angst vor der eigenen Haltung

Ich weiß, gerade bei Letzterem kann ich nicht so richtig mitreden: Wenn Menschen mit Followerzahlen im fünf- oder sechsstelligen Bereich sich explizit nicht zu Impfungen, Wahlentscheidungen oder Hundeernährung äußern wollen oder erklären, zum Thema Abtreibung könne „jeder seine eigene Meinung“ haben, kann ich mir nur entfernt vorstellen, welche Erfahrungen mit hässlichen Kommentaren und Shitstorms sie zu derart vorsichtigen Positionen bewegt haben.

Abgesehen davon, dass es definitiv keine „Meinung“ ist, Frauen das Selbstbestimmungsrecht über ihren eigenen Körper zu nehmen, kann ich die Angst nachvollziehen. Nachhaltige T-Shirts zu präsentieren und in Insta-Stories Gemüse zu schneiden, bietet sehr viel weniger Angriffsfläche als das Kommunizieren eigener politischer Positionen oder gar Wahlentscheidungen. Und manche Themen ziehen rechte Hetze und Verschwörungsmythen geradezu an. Um eine geäußerte Meinung gegen dämliche Kommentare zu verteidigen, braucht es dann natürlich auch ein bisschen Wissen, starke Nerven und manchmal auch Zeit, sich einzulesen.

Aber das ist es eben mit tatsächlichen Veränderungen: Dafür ist ein klein wenig Mut nötig, und ein bisschen Engagement.

Wenn ihr dazu beitragen wollt, dann fliegt weniger, teilt eure Zero Waste-Einkäufe auf Instagram und ruft auf eurem Blog dazu auf, weniger Fleisch zu essen – aber hört dort nicht auf. Ordnet die Texte und Tipps in einen breiteren Zusammenhang ein und zeigt auf, wer die wirklich Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft sind. Hört damit auf, Klimaschutz in den Kontext von Scham, Reue und Absolution zu stellen. Informiert euch und teilt politische Positionen. Wählt Menschen, die sich für Umwelt- und Klimaschutz einsetzen, und zieht sie zur Verantwortung, wenn sie es nicht tun. Unterstützt Demos und Proteste. Setzt euch öffentlich für eure Positionen ein, auch, wenn vielleicht nicht alle Leser*innen immer einverstanden sind.

Habt keine Angst vor eurer eigenen Haltung, denn: Je mehr Menschen gemeinsam kämpfen, desto einfacher wird es – und desto mehr können wir erreichen.

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Titelbild von Sylvie Tittel via Unsplash, Bilder im Beitrag von Laura Mitulla via Unsplash.

5 Gedanken zu “Deine Buddha Bowl wird die Welt nicht retten”

  1. Die Lufthansa ist mit 32.000 Tonnen CO2 der viertgrößte Einzelemittent in Deutschland. Zudem kommt dass eine Tonne CO2 in Flughöhe in etwa die Wirkung von fünf bis acht Tonnen am Boden hat. Aber hey, da sowieso nur drei Prozent der globalen Erdbewohner fliegen, kann man das erst recht verbieten. Es trifft nämlich nur eine sowieso in vielen privilegierte Minderheit.

    1. Ich weiß nicht so ganz, wie ich diesen Kommentar deuten soll (oder ob/wo darin Ironie liegt?), aber natürlich bestreite ich nicht die enorme Klimawirkung von Flugreisen. Dass ein komplettes Verbot keine Lösung ist, ist aber ja auch klar, oder? Ganz abgesehen von bewusst erlebten, langen Urlaubsreisen und notwendigen beruflichen Reisen würde ich es niemandem nehmen wollen, die eigene Familie besuchen zu können, nur weil die auf einem anderen Kontinent lebt.

  2. Was für ein toller Artikel, herzlichen Dank! Das hat mich sehr zum Nachdenken gebracht – besonders dieser Diskrepanz zwischen der „Schuld“ des Einzelnen und der Wirtschaft und die Abwälzung der Verantwortung auf das Individuum.

  3. 98% Zustimmung!

    Die fehlenden 2 Prozentpunkte 😉
    1. Ich würde zuerst dazu auffordern politisch aktiv zu werden und als Bonus persönlich nachhaltiger zu leben. Man hat ja nur begrenzt Energie und Opportunitätskosten sind echt.
    2. Stimmt, der globale Kapitalismus ist profitorientiert. Das heißt aber nicht, dass er klimaschädlich sein muss. Wenn man dem Klima einen fairen Preis gibt, kann der Kapitalismus sogar ein starker Verbündeter im Kampf gegen die Klimakrise sein. Aber auch das geht nur mit politischer Aktion.

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