Loop Head Wild Atlantic Way

Worüber soll man sich auch Sorgen machen?

Kilkee nimmt drei Seiten im Irland-Reiseführer ein und besteht letztlich gefühlt doch nur aus einer Straße und einem Strand. Weit muss man gehen bei Ebbe, um zum Wasser zu kommen, und wie man so über den vollkommen leeren Sand spaziert, denkt man sich, dass hier im Sommer bestimmt die Hölle los sein muss. Also, in der einen Woche, die der irische Sommer dauert.

Jetzt im März, wo einem der eiskalte Wind durch die Haare fährt, ist man trotz vier Lagen Kleidung froh, sich wieder ins Auto retten zu können. Das Faszinierende am County Clare ist, dass man nicht einmal wirklich aussteigen muss: Die Küstenstraße, der „Wild Atlantic Way“ führt so nah an den Klippen vorbei, dass jeder Blick aus dem Fenster uns begeisterte „Ohh“s und „Ahh“s entlockt. Mächtig schwappt die Gischt in die Schluchten und Ritzen, die die Felsen gebildet haben, am Himmel kreisen die Seevögel.

Kilkee Kilkee Cliffs

Und die Welt ist in Ordnung: Carrigaholt am Wild Atlantic Way

Auch das Örtchen Carrigaholt braucht keine Straßennamen. Die Hauptstraße läuft auf einer Seite ins Nichts, denn da ist das Meer, oder auch nicht, gerade ist da hauptsächlich Schlamm. Ebbe und Nebensaison, auf der Wiese vor dem Loch, in dem eigentlich Wasser stehen sollte, werkelt ein Fischer an seinem Boot. Im Hintergrund die Burg, die nicht offen ist, erst wieder nächstes Jahr, hoffentlich, und da sieht man sie auch, die blaugrauen Wellen, die träge an die Mauern schwappen.

Der einzige offene Pub im Ort hat Tische und Bänke auf die Hauptstraße gestellt. Gegenüber streichen zwei Frauen die Fensterläden ihres Hauses knallgelb und gönnen sich dabei ordentliche Schlucke aus der Guinnessdose. Ein kleiner, etwas hyperaktiver Hund folgt uns und macht sich, sobald wir sitzen, mit Hingabe daran, allen passierenden Autos direkt vor die Motorhaube zu laufen. Die Sonne scheint auf den Kaffee, den wir bestellen, und auf die Postkarten, die wir schreiben, und die Welt ist in Ordnung.

Carrigaholt Loop Head

Und ich bin in Irland!

Als ich im Post Office, das gleichzeitig Bibliothek ist, Briefmarken kaufe, fragt mich der ältere Herr an der Kasse, wie es mir geht, und es ist keine Floskel. „Perfect!“, antworte ich leichthin, wie auch sonst, bei diesem Wetter, in dieser Landschaft, in dieser Gegend, die sich wie ankommen anfühlt, wie heimkommen an den Ort einer fernen Erinnerung. „Das hör ich nicht oft“, entgegnet er sichtlich überrascht, und hält für einen Moment inne. „Aber warum eigentlich nicht? Du bist gesund, du bist jung, du bist hübsch, die Sonne scheint – was soll man sich da Sorgen machen?!“ – „Und ich bin in Irland!“, füge ich strahlend hinzu.

An Tagen wie diesen besteht die einzige Sorge in der nagenden Frage, warum das Leben nicht immer so sein kann. Ein Spaziergang in den Klippen bei Sonne, ein Picknick irgendwo, wo es windgeschützt ist, mitsingen bei den Liedern, die im Radio auf und ab laufen, ein Bier im Pub, und abends müde und durchgefroren nach Hause, um sich bei einem Tee vor dem Kamin aufzuwärmen.

Irland ist ein Land, das es einem einfach macht, sich zu Hause zu fühlen.

Ein bisschen schläfrig, aber sehr gemütlich. Jeder hat Zeit für ein paar Worte übers Wetter, über die Tide, über die Landschaft. Man fragt sich, wo all die Herzlichkeit herkommt bei der kargen Landschaft und dem oft rauen Wetter, und bekommt den schönen Einfall, dass das vielleicht Entscheidungssache ist.

Ich sehe außerhalb der großen Städte Männer in Gummistiefeln aus Pick-ups steigen, im Vorgarten frisch gestrichener Häuser sind Ponys angeleint. Sucht man nach lokalen Events, spuckt die Google-Bildersuche Fotos von Schweinerennen, Traktoren und Stelzenlaufen aus. Ich als Stadtkind fühle mich erinnert an irgendwas zwischen Bullerbü und Geschichten ehemaliger Landkinder von Bushaltestellen-Treffen und feuchtfröhlichen Dorffesten.

Wild Atlantic WayKilkee Cliffs

Nachhaltiger Tourismus auf der Loop Head Peninsula

Irland verspricht nicht den perfekten Traumurlaub, stattdessen macht man sich über das unstete Wetter lustig. Herzlich, aber ehrlich, dieses Image nutzt auch die Halbinsel von Loop Head, an dessen Südseite Carrigaholt liegt. Hier sind noch vergleichsweise wenig internationale Touristen zu finden, und das soll auch erst einmal so bleiben.

„Wir wollen keine Reisebusse“, erklärt Susanne Magee, die mit Dolphinwatch Carrigaholt eine der spannendsten Aktivitäten in der Region gegründet hat. Orte wie die Klippen von Moher, der Killarney-Nationalpark oder der Ring of Kerry sind zwar traumhaft schön und ziehen verständlicherweise viele Besucher an. Doch da so viele von ihnen in großen Gruppen anreisen, entsteht der Eindruck, die Orte würden regelrecht überrannt. Weder für Einheimische noch für Besucher eine schöne Situation – wer schon einmal in einem Restaurant saß und dank der ankommenden Reisegruppe eine Stunde lang auf sein Essen warten musste, weiß Bescheid.

Die Loop Head Peninsula soll stattdessen per Auto oder Fahrrad erkundet werden. Und per Boot natürlich: Da die Fische sich bei Gezeitenwechsel in den Buchten verfangen und die Delfine quasi nur noch das Maul aufhalten müssen, lebt in der Bucht von Shannon eine stabile Population von etwa 200 Tümmlern. Dolphinwatch Carrigaholt hat sich der nachhaltigen, sanften Beobachtung der Tiere verschrieben und wurde mehrfach für verantwortungsbewussten Ökotourismus ausgezeichnet. Es gibt keinen festen Zeitplan für die Beobachtungsfahrten, Interessenten werden je nach Wetter und Gezeiten einen Tag vor der Fahrt informiert.

Kilkee Cliffs Kilkee Cliffs

Entlang des Wild Atlantic Way

Leider stechen die Boote erst im April in See – und wir haben kein Glück mit dem Versuch, die Delfine von den Klippen aus zu erspähen. Dafür Schafe, überall Schafe, und Kühe, ist sowieso irgendwie irischer. Und Seevögel, die mit ihren Schreien den Soundtrack bilden zu unserem Roadmovie, immer den Wild Atlantic Way entlang. Einmal von Nord nach Süd führt er, umfasst beinahe vollkommen abgelegene, untouristische Gebiete genauso wie die lebhaften Küstenstädte Galway und Cork, gibt den Blick frei auf Sandstrände, Klippen und Surfspots.

Sonnenuntergang am Loop Head-Leuchtturm

Im County Clare führt uns der Wild Atlantic Way schließlich zum Leuchtturm von Loop Head, der sein Licht 23 Seemeilen weit übers Wasser strahlt. Uns beeindruckt er definitiv weniger als die Klippen ringsum, die schroff und plötzlich abfallen. Es gibt keinen Weg, kein Geländer und keine Warnhinweise, hier darf, nein, hier muss man noch entdecken. Wir warten auf den Sonnenuntergang und wandern rings herum, und als uns zu kalt wird, setzen wir uns ins Auto, und warten weiter.

Neben uns hatte jemand die selbe Idee, das Auto hat ein deutsches Kennzeichen, wir kommen ins Gespräch. Der junge Mann, der zum Abendessen Zwieback mit Remoulade isst, fährt den Wild Atlantic Way komplett ab. Heute will er im Auto schlafen, auf dem Parkplatz vor dem Leuchtturm. „Ich hab gehört, der Sonnenaufgang hier soll fantastisch sein!“ Bei nachts unter fünf Grad vielleicht nicht die beste Idee, aber als Reisender ist man ja hart im Nehmen. „Ich hab noch einen dreiviertelvollen Tank, und Dosenpfirsiche im Kofferraum!“ Wird schon werden, wir nicken wissend. Warum soll man sich auch Sorgen machen?

Loop Head Loop HeadLoop Head

Die Loop Head Peninsula und der Wild Atlantic Way: Mehr Informationen

Die Halbinsel von Loop Head

Die Loop Head Peninsula liegt im County Clare im Westen von Irland, an der Bucht des Flusses Shannon. Nächstgelegene Großstadt ist Limerick im Osten. Da der öffentliche Nahverkehr hier einigermaßen schwierig ist und Reisebusse nicht erwünscht, lohnt es sich, einen Mietwagen zu nehmen – oder gleich von Deutschland aus mit dem Auto hinzufahren. Die Abgelegenheit ist hier zu spüren: Wer Ruhe und eine Möglichkeit für nachhaltigen Tourismus sucht, der ist hier richtig.

Der Wild Atlantic Way

Der Wild Atlantic Way ist eine Straße, die entlang der gesamten Westküste Irlands verläuft und ganze 2.500 Kilometer lang ist. Im Norden läuft der Weg durch raue, abgelegene Klippenlandschaften, bevor er an klassischen Surf-Spots ankommt. Hat man Galway hinter sich gelassen, durchfährt man die Klippenlandschaften des County Clare – meiner Meinung nach ein ziemlicher Geheimtipp. Weiter südlich geht es auf die nicht weniger schöne Dingle-Halbinsel, bevor man schließlich in den grünen Landschaften rund um Cork ankommt. Für die Reiseplanung empfehle ich die wunderschön gemachte offizielle Website des Wild Atlantic Way.

Aktivitäten

Das Highlight an der Halbinsel von Loop Head ist definitiv die Landschaft an sich: Die Klippen sind einfach atemberaubend! Dabei muss man übrigens nicht zwingend mit dem Auto fahren: Rund um die Halbinsel führt ein 65km langer Fahrradweg und es gibt mehrere kurze Rundwanderwege. Von April bis in den Herbst hinein kann man mit Dolphinwatch auf die Bucht von Shannon hinausfahren und nach Delfinen Ausschau halten. Dabei sollte man am besten ein wenig mehr Zeit einplanen: Da das Auslaufen der Boote von Tiden und Wetter abhängt, kann es sein, dass die Abfahrt nicht wie geplant stattfinden kann und sich beispielsweise um einen Tag verschiebt.

Meine Irland-Reise
In Irland war ich mit dem Hostelmax, mit Marieke von Flashpackcitygirl, mit Annik von Misses Backpack, mit Marion von Escape from Reality und Susanne von Schaf Paul unterwegs. Unterstützt wurden wir bei unseren Streifzügen von Irland – vielen Dank dafür!
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9 Gedanken zu “Worüber soll man sich auch Sorgen machen?”

  1. So gehts mir in Italien 🙂 Ich bin schon happy, wenn ich einfach italienisch spreche. Wenn ich italienisch höre, wenn ich Caffè bestelle und man mir dickflüssiges Koffein als Bodensatz in einer kleinen Tasse hinstellt, die ich stehend leere.

    Hach ja… diese Seelenorte und Sehnsuchtsheimaten…

  2. „Irland ist ein Land, das es einem einfach macht, sich zu Hause zu fühlen.“ Meine Rede, jahrelang. Aber das ist hier ja für niemanden mehr eine Überraschung 😀 In Kilkee war ich bisher zwar noch nicht, aber genau so fühlt es sich auch auf dem restlichen Wild Atlantic Way an ♥ Im Juli bin ich wieder da!

    1. Ja, das glaube ich! Ich werde auch definitiv wiederkommen und den Rest des Wild Atlantic Way abfahren 🙂 Ich wünsche dir jetzt schon mal ganz viel Spaß für den Juli, es wird bestimmt großartig!

  3. Kann nur zustimmen – Irland ist toll. Die Leute sind entspannt und wirklich freundlich, nicht aufgesetzt freundlich und ich mag die eher raue Natur mit den Klippen und die Schaf-gepunkteten-Wiesen. 🙂

    Liebe Grüße
    Myriam

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