Puerto Lopez Ecuador

Da, wo die Wale geboren werden

Ich steige in ein Mototaxi und fühle mich angekommen. Der Wind, der die Haare zerzaust, der Staub, der durch die Ritzen kriecht, das Ruckeln auf den ungeraden Straßen, die die dreirädrigen Gefährte häufig zum äußersten Wanken bringen und sie manchmal auch umkippen lassen. Ich folge dem Rauschen des Meeres hinunter zum Strand, brauner Sand, graublaue Weite, helle Gischt. Fast niemand ist unterwegs, einsame Fischerboote wackeln auf den Wellen oder stehen verlassen im Sand, blau, grün und gelb getüncht, mit Zeichnungen von Fischen und religiösen Namen versehen. Welle um Welle erreicht den Strand und gleitet wieder zurück in den Pazifik, diese endlose Wassermasse, die mehr als ein Drittel der Erde einnimmt. Palmen schütteln ihre Blätter im Seewind, Pelikane halten mit eleganten Flügelschlägen dagegen. Obwohl keine Sonne scheint und es Winter ist, haut einen die Hitze einfach um, T-Shirts und Flip-Flops sind hier im gesamten Jahr der Dresscode, wobei: Die Herren verzichten auch gerne auf Letzteres und recken einem ihre Wampe entgegen. Träge liegt ein Hund am Straßenrand, wie so oft fragt man sich, ob er überhaupt noch atmet.

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In Puerto López kennt jeder jeden, abends sitzen die Männer in Grüppchen vor den kleinen Läden, die die Uferpromenade säumen, und spielen Karten. Ich möchte ein Wasser kaufen und habe nur einen Zehn-Dollar-Schein, das „Nein, ich hab kein Wechselgeld“, das ich fünf Mal höre, bevor ich mich zum Supermarkt aufmache, klingt eher wie eine Ausrede, um nicht aufstehen und arbeiten zu müssen. Ich höre Schreie hinter mir und erwarte übermütige Jugendliche, dabei sind es drei mittelalte Frauen, die kichernd und gackernd auf einem Motorrad über die Promenade brausen.

Wer auch immer dieses vielzitierte Gerücht von dem lebenslustigen, aber arbeitsscheuen Latino in die Welt gesetzt hat, das ich bisher noch nirgends bestätigt gesehen habe - vielleicht war er vorher an der Küste von Ecuador.

Puerto López ist ein Ort, wie es ihn an den Küsten Ecuadors und Nordperus häufig gibt: Ein relativ leerer Strand, der von mehr Hunden als Menschen bevölkert wird, ein Hafen mit Fischerbooten, ein morgendlicher Fischmarkt, dem gefühlt mehr Pelikane als Menschen beiwohnen, Mototaxis statt Autos und eine Strandpromenade mit Bekleidungsgeschäften und Fischrestaurants. Es riecht nach Salz und nach Fisch; wenn der Wind aufkommt, bläst er einen den feinen Sand ins Gesicht, ins Essen, in den Rucksack und eigentlich überall hin, am besten klebt er auf gegen die Sonne eingecremter Haut.

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Und doch ist Puerto López ein bisschen anders, oder wäre das gerne, denn der Ort etabliert sich gerade als die eine Destination, um Wale zu beobachten. Mindestens 7.000 der Tiere kommen hier jedes Jahr an, um sich zu paaren und ein Jahr später, um ihre Kinder zur Welt zu bringen. Eigentlich in den Gewässern der Antarktis und im Süden von Chile beheimatet, machen sie sich jährlich auf eine Reise von knapp 16.000 Kilometern, um in den wärmeren Gewässern rund um den Äquator bessere Bedingungen für ihren Nachwuchs zu finden. Zwischen April und Dezember machen sie es sich zwischen Panama und Nordperu gemütlich. Auch, wenn es verschiedene Walarten gibt, die jedes Jahr vor Ecuador ankommen, sind die Buckelwale eindeutig das Aushängeschild. Ihre Schwanzflosse ist wie der Fingerabdruck eines Menschen eindeutig identifizierbar, Markierungen oder Ähnliches durch die Forscher sind deshalb nicht notwendig. 12 bis 15 Meter werden sie lang und halten sich bevorzugt in Küstennähe auf, weil sie dort vor natürlichen Feinden wie Orcas geschützt sind. Manchmal kann man sie mit einem Fernglas sogar vom Strand aus sehen.

Seit dem Erdbeben im April sind die Wale in Puerto López noch wichtiger geworden, denn die Touristen bleiben aus. Puerto López liegt in Manabí, einer der beiden Provinzen die besonders schwer vom Erdbeben getroffen wurden. Auch, wenn Esmeraldas im Norden das eigentliche Epizentrum des Bebens war, ist vor allem Manabí – wohl aus politischen Gründen – zum Begriff für das Erdbeben geworden. Hierhin, nach Manta, Portoviejo und San Vicente, kamen die Hilfslieferungen, viele Orte wie Canoa und Bahía kennen die Ecuadorianer, weil sie hier bevorzugt ihren Strandurlaub verbringen. Und so ist Puerto López, ganz im Süden von Manabí gelegen, trotz seiner geringen Schäden sozusagen mit betroffen. An 137 Gebäuden wurden Schäden festgestellt, davon waren nur einige wenige Hotels und Restaurants, im Stadtbild sieht man nur wenige Gebäude, die mit Bambuskonstruktionen abgestützt werden oder ein gelbes Schild für „nur betreten, wenn nötig“ an der Hauswand kleben haben. Trotzdem – Manabí, das verbindet man in Ecuador mit dem Erdbeben, im Ausland verbindet man wohl die gesamte ecuadorianische Küste mit dem Beben, und so bleiben die Touristen aus in Puerto López, aus Angst oder gut gemeintem Anstand. Die Wale sind trotzdem wiedergekommen und die Stadt hat die Hoffnung, hieraus Kapital schlagen zu können. Um die touristische Infrastruktur besser auszubauen, wird jetzt eine Englischschule eingerichtet, jede touristische Einrichtung soll mindestens eine zweisprachige Person beschäftigen.

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Englischkenntnisse schön und gut, aber als ich abends im vierten Laden stehe, in dem der Besitzer keine Anstalten macht, mein Wechselgeldproblem irgendwie zu lösen, frage ich mich, ob die Menschen in Puerto López für den geplanten Touristenansturm wirklich bereit sind. Am nächsten Morgen geht von den drei Mototaxifahrern, die mir das Hotel empfiehlt, keiner ans Handy. Als ich über die Promenade laufe, werden mir halbherzig Touren angeboten, die Leute stehen dafür nicht einmal auf. Natürlich ist das für den Besucher selbst angenehmer als in vielen Küstenorten in Peru, wo man häufig über die halbe Strandpromenade von jemandem verfolgt wird, der einem mit einer Speisekarte oder einem Angebot über die morgige Tour vor der Nase herumwedelt, aber kann man mit dieser Motivation den Tourismus in einem kleinen, international noch unbekannten Ort etablieren?

Ich weiß, dass das mehr als rassistisch klingt, aber was, wenn es einfach Gegenden gibt, in denen die meisten Einwohner mit dem zufrieden sind, was sie haben, ohne es mit der Welt teilen zu wollen? Und was, wenn der Tourismus schließlich genau diesen Charakter eines Ortes verändert? Welche Form von Tourismus, welchen Grad an Ansturm kann ein Fischerdorf verkraften, bevor es zur Fassade wird? Machen sich die Autoritäten, die den Tourismus forcieren wollen, auch darüber Gedanken?

Was, wenn es einfach Gegenden gibt, in denen die meisten Einwohner mit dem zufrieden sind, was sie haben, ohne es mit der Welt teilen zu wollen?

Und dann ist da natürlich noch die Sache mit den Walen. Nicht nur der Fischfang gefährdet sie, sondern auch der Tourismus. Durch ihr sehr gut ausgebildetes, empfindliches Gehör fühlen sie sich durch Boote in ihrer Nähe schnell gestört und werden eventuell in weiter entlegene Gewässer gedrängt, wo ihnen Gefahr durch Raubtiere droht. Auch ich steige in eines der kurzen Boote, die Touristen auf Augenhöhe mit den Buckelwalen bringen sollen, wir müssen ein ganzes Stück fahren, bis wir die Tiere schließlich erblicken. Da alle auf dem Boot plötzlich auf die linke Seite springen, um einen besseren Blick zu bekommen, kippt das Boot fast um. Den Motor aus, dümpeln wir langsam in ihre Nähe, innerhalb von Minuten tauchen zwei weitere Boote auf, die die drei Buckelwale, die nach und nach aus dem Wasser auftauchen, umkreisen. Sobald wir sie nicht mehr sehen, wird der Motor wieder angeschmissen und wir fahren den Tieren hinterher, immer auf der Suche nach dem Spot für das beste Foto sind wir am Ende nur noch wenige Meter von ihnen entfernt. Ich weiß, dass Wale von Natur aus neugierig sind, dass sie grundsätzlich nichts gegen Menschen und Boote haben, dass sie sich häufig sogar selbst nähern, und doch stößt mir diese Hetzjagd auf die Tiere auf, ich kann mir einfach schlecht vorstellen, dass das keinen Stress für die Wale bedeuten soll.

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Ein zweites Mal würde ich eine solche Tour wohl nicht mitmachen, doch zum Glück gibt es auch spannende, wirklich nachhaltige Angebote. Im nahe gelegenen Salinas gibt es ein Walmuseum, das von Meeresbiologen betrieben wird. Dazu gehört auch eine Aussichtsplattform, von der aus man Wale vom Strand aus beobachten kann – ganz ohne sie zu stören. In Puerto López kann man, anstatt Wale zu beobachten, auch zur Isla de la Plata, dem „Galápagos für Arme“, fahren – ist man in der Hochsaison im Juli und August unterwegs, ist es nicht ungewöhnlich, dass einem auf dem Weg zur Insel dennoch zufällig Wale begegnen. Auch der Nationalpark Machalilla, in dem Teile der ursprünglichen Küstenvegetation Ecuadors erhalten sind und sich sogar archäologische Stätten präkolumbischer Kulturen finden, lädt zu Touren ein. Und wenn einen all das nicht interessiert, kann man seine Tage einfach am Strand verbringen und dreimal am Tag den wohl frischesten Fisch überhaupt essen – das lohnt sich ebenfalls.

Und, konnte ich dir ein bisschen Lust auf die Küste Ecuadors machen? Hast du schon einmal irgendwo Wale beobachtet – und wie hast du es empfunden? Erzähl’s mir sehr gerne in den Kommentaren! 🙂

Puerto Lopez Ecuador

Puerto López
Unterkunft In Puerto López gibt es jede Menge wunderschöner Hotels, die kleine Hütten mit Schwimmbad und Whirlpool bieten. Die Hostería Mandala ist als das beste bekannt, aber auch nicht ganz preisgünstig – eine Nacht schlägt hier mit 50-60 Dollar zu Buche. Günstiger (um die 20-25 Dollar), aber ebenfalls traumhaft schön ist die Hostería Nantu. Als günstiges Backpacker-Hostel ist das Sol Inn bekannt und beliebt.
Essen Das beste Essen gibt es wohl im stadtbekannten Restaurante Carmita. Das Carmita war das erste touristische Restaurant in Puerto López und die Señora Carmita berät einen heute noch zum besten Fischgericht. Gut schmeckt einfach alles, was aus dem Meer kommt, denn hier landet der Fisch wirklich aus dem Meer auf dem Teller. Vegetarische und vegane Alternativen gibt es im Restaurant Raices.
Unternehmen In verschiedenen Touranbietern auf der Strandpromenade lassen sich Whale-Watching-Touren und Ausflüge zur Isla de la Plata buchen. Besonders schön soll der Strand Los Frailes sein, zu dem man mit dem (Moto-)Taxi fahren kann. Wer zu zweit oder in einer kleinen Gruppe unterwegs ist, kann private Touren zum Machalilla-Nationalpark buchen – von wandern über reiten bis hin zu tauchen werden dort so gut wie alle Aktivitäten angeboten, die man sich wünschen kann.
[ssba]

5 Gedanken zu “Da, wo die Wale geboren werden”

    1. Oh ja, entspannend ist Puerto López ganz definitiv – gerade hier in Lateinamerika mag ich beides, die großen Städte und die kleinen Orte!

  1. Darüber, wie sehr Touristen das Leben vor Ort ändern und zur Fassade werden lassen können, habe ich bisher noch nicht wirklich nachgedacht. Aber ich denke, du hast da leider Recht – zu viele Touristen würden wohl den Charme auslöschen.
    Immerhin wollen Touristen ja meist viel Komfort, d.h. es würden z.B. sicher viele Restaurants auftauchen, die gar nicht mehr die typischen Speisen oder eben diese in überteuerter Form anbieten…

    Spannend klingt der Ort ja, aber ich habe noch zu viel anderes, wo ich zuerst hin will 😉

    Liebe Grüße

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