Lambayeque Peru

Grenzgänge: Im Nirgendwo zwischen Ecuador und Peru

„Por qué será que los ecuadorianos son unos sinverguenzas?“, warum sind die Ecuadorianer nur so unverschämt? Die Grenzbeamte schüttelt den Kopf und sieht auf mich herunter. Ich zucke mit den Schultern und bete innerlich, sie möge mir doch einfach schnellstmöglich einen Stempel in den Pass drücken. Unverschämt, damit meint sie ein älteres Ehepaar, das gerade an die Beamte herantrat, um sich über die lange Warteschlange zu beschweren. Ein paar Meter weiter erneute Diskussionen, es geht tatsächlich darum, dass man zum Überqueren ein kleines Formular ausfüllen muss, das die Beamten sechsmal auf eine Seite gedruckt haben. Da es keine Schere gibt, um aus einem Blatt sechs zu machen und diese den Leuten in die Hände zu drücken, müssen erst mal alle in Ecuador bleiben, rechtlich zumindest, faktisch stehen wir schon auf peruanischem Boden. „Son unos sinverguenzas sí o no?“, sie sind unverschämt, oder?, schiebt die Frau hinterher und wirft einen bitterbösen Blick auf die Diskutierenden. Ich versuche zu beschwichtigen und erkläre, dass wir alle gestresst sind aufgrund der Schlange, die bis zur Straße hinaus reicht. Tatsächlich frage ich mich, wie es sein kann, dass das Fehlen einer Schere einen ganzen Grenzposten lahm legt.

Wenigstens verkürzt mir ein älterer Herr die Zeit, der mir begeistert von den sieben Jahren erzählt, die er in Europa verbracht hat. Als Seemann sei er viel herumgekommen, habe einiges gesehen, Deutschland, Griechenland, die USA. Heute ist er auf dem Landweg unterwegs, von Kolumbien bis nach Buenos Aires, dort lebt eine seiner Töchter. Ich fühle mich schlecht, weil ich mich schon darüber beschwere, von Ecuador nach Peru reisen zu müssen, zusammengerechnet vielleicht 30 Stunden im Bus. Der Mann, der hinter mir in der Schlange steht, wird bestimmt fünf Tage unterwegs sein, und auch das nur, wenn er keine Pause macht. Er schwärmt mir von seiner Heimatstadt Medellín vor und ich erzähle, dass ich bestimmt bald dorthin reisen werde, weil ein paar Freunde dort wohnen. „Jetzt hast du einen Freund in Medellín mehr!“, grinst er mir zu und schüttelt mir die Hand.

Lambayeque Peru

Die Kleinstädte an der Küste sind anstrengend und nicht grade schön, aber die Landstraßen dazwischen strahlen einen eigenartigen Charme aus. Drei Männer mit Tüchern über den Gesichtern treiben Kühe über ein Feld, zwischen den knorrigen Tieren, die Rippen weit hervorstehend, wirbelt der Staub so kräftig auf, dass er die Sonne verdunkelt. Weiße Vögel stolzieren über dunkelbraune, frisch umgewendete Erde, dann Bananenstauden, so weit das Auge reicht, El Oro, der Teil von Ecuador, der an Peru angrenzt, ist bekannt als Region der Bananen. Neben der Straße verbrennt jemand Müll, der Rauch steigt in Säulen auf, der beißende Geruch lässt mich Augen und Taxifenster schließen.

Die Brücke, die von Ecuador nach Peru und anders herum führt, heißt Europabrücke, warum auch immer, begänne ich zu interpretieren, schlösse ich daraus, dass die beiden Länder die Hoffnung auf lateinamerikanische Zusammenarbeit bereits aufgegeben haben. Vor etwa zwanzig Jahren gab es hier noch Krieg, jetzt gibt es neben Langeweile höchstens noch Vorurteile. Und Ecuadorianer, die nach Peru fahren, um sich mit günstigen Klamotten und Elektrogeräten einzudecken.

Wir überqueren die Brücke, in Peru ist aufgrund des Nationalfeiertags den ganzen Juli über alles in rot-weiß gehalten, jedes Haus muss eine Fahne auf dem Dach haben, sonst wird eine Strafe fällig, in manchen Landesteilen umgerechnet 600 Euro. Verblichene Wandbilder am Straßenrand empfehlen mir, enthaltsam und treu zu leben.

In Ecuador konnte ich oft nicht so wirklich sagen, dass ich vorher lange Zeit in Peru verbracht habe. Die Menschen sind auf die Peruaner nicht unbedingt gut zu sprechen und haben häufig ein bisschen Angst vor dem großen Nachbarn. „Die wollen sich irgendwann die Galapagos-Inseln unter den Nagel reißen“, habe ich oft gehört. Ein Freund erzählte mir von seiner Oma, die fast einen Herzanfall bekommen hatte, als einer ihrer Enkel eine peruanische Freundin mit nach Hause brachte. Später spreche ich mit einem peruanischen Freund über Ecuador. „Quito ist toll“, sagt er. „Nur leider voll mit Ecuadorianern.“ Schließlich muss er selbst lachen, er habe viele Freunde aus dem Nachbarland im Norden. Nur über den Krieg könnte er mit denen nicht sprechen, da gingen die Meinungen einfach zu sehr auseinander.

Lambayeque Peru

Als ich in Peru lebte, glaubte ich den Peruanern, dass das Land, das in Südamerika am meisten Probleme macht, Chile ist. Heute bin ich mir nicht mehr so sicher, ob es nicht Peru selbst ist. Auch die Angst vor Chile scheint mir heute ein hausgemachtes peruanisches Problem zu sein. „Ich bin Pazifist. Ich frage mich, warum es sein muss, dass Chile ganz Südamerika auslöschen könnte, ohne vom Sofa aufzustehen!“, erklärte mir letztens ein Taxifahrer, eine verbreitete Meinung. Peruanische Klatschzeitschriften titeln mindestens jeden zweiten Tag irgendein Archivfoto mit der Unterschrift „Chile rüstet für Krieg gegen Peru auf!“ Vergleicht man die militärische Stärke der beiden Länder, so hat Peru doppelt so viele Soldaten, mehr Flugzeuge und Schiffe. Da Peru fast doppelt so viele Einwohner wie Chile hat, stünden im Kriegsfall zudem viel mehr Männer zur Verfügung.

Doch Angst ist nicht rational und meine Lebensrealität ist nicht die selbe wie die der Peruaner. „Aber Chile ist ein demokratisches Land, die würden euch nicht einfach so angreifen!“, werfe ich in solchen Diskussionen immer ein. „Na und? Wir sind auch ein demokratisches Land und haben vor zwanzig Jahren Ecuador angegriffen“, kommt zurück. Das uneingeschränkte Sicherheitsgefühl und das Vertrauen in das Gute in der Welt, wie ich es mein Leben lang kannte, das gibt es so nicht in Ländern, in denen vor zwanzig Jahren noch Krieg und Guerilla-Terror herrschten. Noch dazu – wer sagt, dass die Angst vor dem Nachbarland nicht auch politisch instruiert ist? Wer sich Sorgen um einen möglichen Krieg macht, der nimmt Probleme im Inland möglicherweise weniger wahr oder beschwert sich nicht über fragwürdige politische Entscheidungen, weil er denkt, sie dienten seiner Sicherheit.

Grenzen in Südamerika sind eine komische Angelegenheit. Sie fallen im Alltag kaum auf, die Menschen hier können ähnlich wie in der EU ohne Reisepass oder Visum in die Nachbarländer reisen, und dass man sich theoretisch am Grenzposten ein Formular abholen muss, interessiert die Leute, die in den Grenzstädten leben, herzlich wenig. Man spricht die gleiche Sprache, teilt eine ähnliche Kultur, guckt zu einem großen Teil die selben Fernsehprogramme und mag die gleiche Musik. Man verehrt sogar die selben Nationalhelden, die vor langer Zeit einmal von einem vereinten Lateinamerika träumten – und sich heute wohl im Grabe herumdrehen würden. Und doch streitet man um so unsinnige Dinge wie ein paar Quadratkilometer Meer, rüstet militärisch auf statt ab und gießt auf beiden Seiten immer wieder Öl ins Feuer. Und fragt mich mit hämischem Grinsen: „Und, welches Land fandest du jetzt schöner?!“

Hoffnung macht mir ein Taxifahrer im peruanischen Chiclayo, der mir die selbe Frage stellt, und, als er mein Zögern erkennt, gleich nachschiebt: „Du kannst ruhig ehrlich sein, ich finde, Ecuador ist ein wunderschönes Land, schöner als mein Heimatland.“ So weit, so gut. Aber nach Chile darf ich wohl allerhöchstens einmal heimlich reisen.

[ssba]

2 Gedanken zu “Grenzgänge: Im Nirgendwo zwischen Ecuador und Peru”

  1. Dein Artikel gefällt mir super! Das Bild mit dem radelnden Jungen ist auch prima!
    Mach dir keine Sorgen, Grenzen finde ich fast überall ziemlich merkwürdig und das Geld spiegelt sich in allen Augen. Sie wollen eben alle Geld verdienen. Nach der Grenze sind die tolle Länder aber die Reise wert!
    Hat dir Ecuador oder Kolumbien besser gefallen?
    Liebe Grüße Martin

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