Iglesia La Compania Quito

Gretchenfrage

In Deutschland muss ich über Religion nicht diskutieren. Meine Freunde denken wie ich oder zumindest so ähnlich, sind vielleicht getauft und gar konfirmiert, waren aber zuletzt bei der Hochzeit der Cousine oder mit der Schulklasse in einem Gottesdienst. Die Kirche ist ein schwieriger Verein, denken wir, sie mag vielleicht Menschen Trost spenden, aber gleichzeitig ist sie eine Brutstätte für Machismen, seltsame Hierarchien und schlimme Dinge, die sich daraus ergeben. Meine Freunde, sie sind vielleicht gläubig, aber die meisten im Sinne von „Ich glaube an etwas, das da ist, nicht an eine Institution“, einige sind aus der Religion ausgetreten, der sie durch ihre Eltern angehörten, und diejenigen, die in Ostdeutschland aufgewachsen sind, wissen nicht einmal, warum der Pfingstmontag ein Feiertag ist.

Kurz gesagt: In Deutschland werde ich höchstens vom Finanzamt gefragt, welcher Religion ich angehöre. Glaube, oder in meinem Fall Nichtglaube, spielt absolut keine Rolle in meinem Leben. Meine Meinung zum Thema Religion kann ich so simpel halten, weil ich mich seit Jahren nicht mehr damit auseinandersetzen musste: Ich glaube höchstens an das Gute im Menschen, alle anderen können glauben, was sie wollen, solange sie damit niemandem Schaden zufügen.

Ganz anders ist das hier in Südamerika. Auf die eine oder andere Weise dringt die Religion hier in so viele Bereiche des Alltags ein, dass man auf einmal gezwungen ist, sich tiefer mit ihr auseinanderzusetzen. Eine kleine Suche nach Antworten – und eine große Verwirrung.

Koloniale Kirchenkunst, Klöster und Konsorten

In Quito werde ich direkt an meinem ersten Wochenende mit dem Thema Kirche konfrontiert. Meine Mitbewohnerin muss einen Koffer abholen – bei einem Mönch, der in einem Kloster in der Altstadt lebt. Der junge Mann in der für mich fast klischeehaften braunen Kutte mit Band um die Hüfte vor der langgezogenen weißen Kirche San Francisco, ein Bild für die Götter, im wahrsten Sinne des Wortes. Wenig später erfahre ich, dass einige Klöster in Quito komplett geschlossen sind. „Da kommen die Frauen nicht mal mehr tot raus, wenn sie einmal eingetreten sind“, meint der Stadtführer grinsend über das Kloster Carmen Alto, denn innerhalb der dicken Mauern befindet sich sogar noch ein Friedhof. Wie mag es sein, sich zu verpflichten, ein Leben lang nichts mehr von der wirklichen Welt zu sehen, höchstens vielleicht noch durch ein Fenster? Wie mag es sein, alles zu verpassen, was es „draußen“ gibt, im Tausch gegen ein karges Leben ohne eigenen Besitz? Mich schaudert allein bei dem Gedanken.

Iglesia La Compania Quito

In Deutschland habe ich mich oft gefragt, wer sich warum dafür entscheidet, katholischer Priester zu werden. Den Berufswahl evangelischer Pfarrer kann ich persönlich gut verstehen, ist es schließlich letztendlich ein Job wie jeder andere. Doch sich freiwillig all den Zwängen der katholischen Kirche zu unterwerfen, so zum Beispiel niemals offen eine Familie gründen zu dürfen – kann man so etwas überhaupt bereits mit Anfang oder Mitte zwanzig entscheiden? Noch einen Schritt weiter geht dann wohl das Leben im Kloster. Was sind das für Persönlichkeiten, die sich hier einschließen lassen? Haben die Klöster in Quito Nachwuchsprobleme, sterben sie aus? Fragen, die mir niemand beantworten kann, höchstens mit Mutmaßungen.

Meine Mitbewohnerin und ich besuchen an diesem Tag das Konventsmuseum von San Francisco, schließlich sind wir schon einmal vor Ort. Die Gänge sind düster, unsere Führerin eine junge, bunt gekleidete Frau, die so gar nicht in ein Klostermuseum passen mag. Kurz angebunden geht es von einem Exponat zum anderen. Für mich sehen alle gleich aus. Düstere Gemälde mit schmerzverzerrten Gesichtern, Statuen von entrückt dreinblickenden Heiligen. Blut, Wunden, Leid. Die Quitoer Schule, eine in ganz Lateinamerika bekannte Kunstrichtung zur Kolonialzeit, hat sich der Tradition verschrieben, Gemälde und Statuen so realistisch zu gestalten wie möglich. Für die Statuen wurden daher teilweise sogar menschliche Zähne oder Fingernägel verwendet. Was die Motive anging, konzentrierte man sich auf die dunklen Teile des katholischen Glaubens und auf das, was in Spanien gerade angesagt war. Daher finden sich in manchen Kirchen in Quito beispielsweise maurische Musterelemente, wie man sie aus Andalusien kennt. Der „eigene Touch“ der Quitoer Schule ist die Einbindung indigener ecuadorianischer Elemente: Gesichtszüge, Pflanzen und Tiere auf den Bildern wurden teilweise dem nachempfunden, was man in der Kolonie vorfand. Trotzdem haben alle Statuen rosane Haut.

Iglesia La Compania Quito

Meine Mitbewohnerin ist begeistert, mir läuft nach jedem Bild ein neuer kalter Schauer über den Rücken. Kirchenkunst finde ich eigentlich überall unheimlich, aber hier in Quito ist sie wirklich gruselig – all die traurig, unnahbar, leidend blickenden Gesichter, die düsteren Farben. Wollte man so die indigene Bevölkerung überzeugen, dem katholischen Glauben beizutreten? Oder wollte man ihnen abschreckend zeigen, was passieren würde, wenn sie sich verweigerten? Ähnlich geht es mir später in der Kirche La Compañia, die auch Goldkirche genannt wird, weil ihr Innenleben über und über mit Blattgold überzogen ist. Wer hat die Kirche gebaut, frage ich mich, wie viele Sklaven sind dabei ums Leben gekommen, nur um ein Denkmal für einen Gott zu bauen? Ich traue mich nicht zu fragen, ob der Begeisterung des Stadtführers für die überschwängliche Dekoration. Ich verstehe, dass die Quitoer Schule etwas ganz besonderes ist, ein Teil des Kulturerbes hier in der Stadt, etwas, auf das man als Quiteño stolz sein kann. Doch ich wundere mich, warum mit dem Thema Kirche hier so unreflektiert umgegangen wird, warum niemand auch nur anspricht, dass sich die katholische Kirche zur Kolonialzeit alles andere als heilig verhalten hat.

Iglesia La Compania Quito Iglesia La Compania Quito

Die katholische Kirche in Lateinamerika, ein vielfältiges Thema und Teil jeder einzelnen Geschichtsepoche. Einerseits Legitimationsinstrument der Unterwerfung durch die Kolonialherren, Teil der Maschinerie, die abertausende Indigene ausrottete und zum Leben in Sklaverei verurteilte. Andererseits durch Bartolomé de las Casas und andere Missionare ein erster Hoffnungsschimmer der Menschlichkeit, ein Versuch, die Ausbeutung zu stoppen und die Leben der Menschen angenehmer zu gestalten. In der jüngeren Vergangenheit war ein Teil der katholischen Kirche in Lateinamerika mit der Befreiungstheologie sogar eine gesellschaftskritische, sozialistische Bewegung, die sich für die Rechte der Armen stark machte, sich gegen diktatorische Regime richtete und sich mit den Auswirkungen der Kolonialisierung befasste. Habe ich einfach einen falschen, einen europäischen Blick auf das Thema Religion, sehe ich alles zu kritisch? Doch wenn Kirche versucht, eine freundliche, eine emanzipatorische Philosophie zu vertreten: Warum müssen alle Kirchenbilder hier dann so erschreckend düster sein?

Religiöser Eifer – und die Frage nach dem Warum

Meine besten Freunde hier in Quito sind sehr christlich. Nicht, wie die meisten Menschen hier, katholisch, sondern evangelikal, eine Strömung, die sich in Lateinamerika in den letzten Jahren und Jahrzehnten weit verbreitet hat. Evangelikale Kirchen sind oft konservativer als die katholischen, eine evangelikale brasilianische Sängerin hat letztens auf Facebook dazu aufgerufen, C&A zu boykottieren, da diese eine Unisex-Kleidungslinie verkaufen. Meine Freunde trinken zum Glück trotzdem Alkohol, auch Beziehungen vor der Ehe sind kein Problem, nur die Messe am Wochenende muss drin sein, genauso wie das Gebet vor dem Essen. Auch werde ich entgegen meiner Befürchtungen nicht missioniert. Relativ schnell mache ich klar, dass ich nicht an Gott glaube. „Ich war auch mal so wie du“, ist der einzige Kommentar meiner Freundin. „Und dann hatte ich eine religiöse Erkenntnis.“ Ich frage nicht weiter nach und versuche, die Stimme in meinem Kopf, die sie für mindestens ein klein wenig verrückt erklärt, auszuschalten.

Plaza Grande Quito

Vor der Kathedrale versammeln sich am Wochenende gern religiöse Gruppen, die laut singen oder predigen.

Bei einem anderen Freund zu Hause finde ich zwischen mehreren Bibeln ein Buch, an dem meine Augen hängen bleiben. „Die Erklärung eines Christen für Hiroshima“, steht auf Englisch in goldenen Lettern auf dem grünen Einband, und meine Gedanken überschlagen sich, als ich das lese. Aus dem Religionsunterricht in der Schule erinnere ich mich vage an verschiedene Theorien zu der Frage, wie Gott nur Unheil zulassen kann. Als Prüfung für die Menschheit, lautete eine, wie pervers. Kann Religion Trost spenden, in derartigen Situationen, in denen buchstäblich die Welt zusammenbricht? Wie schaffen es Menschen, in allem einen Sinn zu sehen? Wie kann man durch all das Schlimme in der Welt eben gerade nicht vom Glauben abfallen?

Bin letztendlich ich die Schwache, Verführbare, die ich es nicht schaffe, einen Sinn in der Welt zu finden?

Einen Sinn, ein Trost, einen Ort, an den man seine Hoffnungen richten kann: Ich denke, das ist Religion für die meisten Menschen hier. Beeindruckend ist die Sammlung an Dankestafeln an der Kirche Las Lajas im Süden Kolumbiens. Wer hier herkam, für etwas betete und sich dann darüber freuen konnte, bedankt sich mit einer gravierten Tafel, mit Gips oder Harz an die Felswände geklebt. Danke für die Geburt unserer Tochter, steht da, danke für unser Haus, oder ganz allgemein, danke für die guten Dinge, die wir erhalten haben. Bald wird es keinen Platz mehr geben für die Tafeln, so viele sind es bereits.

Las Lajas Kolumbien Las Lajas Kolumbien Las Lajas Kolumbien Las Lajas Kolumbien

Als wir auf eine Aussichtsplattform klettern, zeigt mein Freund und Reisebegleiter auf die Häuser am Hang neben der Kirche, alt und schief, teils unverputzt und ohne Fenster. Mir fällt das gar nicht mehr auf, so baut und lebt man hier eben. Aber hier stellen sie einen krassen Gegensatz zur Kirche nebenan dar, die in perfektem Zuckerbäckerstil dekoriert ist und ohne jeglichen Makel über der Schlucht thront. Wie lange mag es gedauert haben, sie zu erbauen? Wie viel mag es jedes Jahr kosten, sie instandzuhalten? Vermutlich länger, als es dauerte, alle Häuser in der Umgebung zu erbauen, vermutlich mehr, als die Stadt an Sozialhilfe ausgibt. Wie tief muss Glaube sitzen, um die Huldigung eines Gottes vor alles andere zu stellen, vor das eigene Wohl sogar? Warum sind gerade die Ärmsten der Armen oft besonders religiös? Mir kommt das alles wie ein Umweg vor. Kirche bauen, beten, auf Erfüllung eines Wunsches warten, anstatt direkt Energie und Geld in den jeweiligen Wunsch zu stecken. Ich stelle fest: Ich bin wohl einfach zu pragmatisch, um religiös zu sein.

Geister, Aliens, Schamanen – und die Suche nach der Toleranz

In Lateinamerika glauben viele Menschen an alles Mögliche. Das Nebeneinander von indigenen Glaubensinhalten und der katholischen Kirche hat zu den verrücktesten Auswüchsen geführt. Man denke zum Beispiel an den Tag der Toten in Mexiko, gefeiert am katholischen Allerheiligen, aber gefüllt mit indigenen Vorstellungen und Traditionen. Das selbe geschieht in vielen Teilen des Kontinents im Kleinen: Natürlich würde sich ein Großteil der Bevölkerung als katholisch bezeichnen, viele gehen regelmäßig in die Kirche. Und trotzdem lassen sich einige davon auch von einem Schamanen heilen, wenn sie krank sind. Oder feiern gleichzeitig in ihrem Heimatdorf indigene Feste und Rituale, bei denen sie Berggöttern huldigen. Auch der Glaube an Geister und Aliens ist weit verbreitet: Wer sonst hat schließlich die Nasca-Linien in Peru in den Boden gescharrt?

Man sollte meinen, in so einem Chaos an Religionen, Meinungen und Glaubensströmungen wäre Toleranz das höchste Gut. Doch weit gefehlt: Religion ist hier gerne Thema hitziger Diskussionen, in denen jeder versucht, seinen Nächsten zu überzeugen, und Atheisten müssen ihren Nichtglauben regelmäßig verteidigen. Das Thema Abtreibung wird hier gerade so heftig debattiert wie in kaum einem anderen Land, die Gegenseite besteht selbstverständlich aus Religionsvertretern. Die Evangelikalen halten Schamanismus und den Glauben an alles andere als Gott für Häresie, selbst Yoga ist kritisch, manch anderer versteht überhaupt nicht das Problem dabei. Sogar innerhalb der Kirche gibt es Streit, nicht jeder Priester konnte etwas mit Strömungen wie der Befreiungstheologie anfangen.

In Quito sind sich zumindest alle einig über die Schönheit der Kirchen und der Quitoer Schule. Und lassen mich dabei zurück in meiner Ratlosigkeit, in meinem Kopfchaos zum Thema Religion.


Ich freue mich auf deine Meinung zum Thema. Allerdings würde ich dich bitten, keine Diskussion über die „richtige“ Religion zu starten. Stattdessen interessiert mich, welche Erfahrungen du mit dem Thema Religion auf Reisen gemacht hast. Hat dich in einem anderen Land auch etwas zum Nachdenken über Religion gebracht, so wie mich in Südamerika?

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16 Gedanken zu “Gretchenfrage”

  1. Was für ein spannender Artikel! Danke dafür.
    Ich sehe das Thema so ziemlich genau wie du und konnte mich deshalb sehr in deinen Gedanken wiederfinden.
    Ich hab solche Gedanken im Ausland wie auch in Deutschland. Möchte ich wirklich in eine Kirche gehen, nur weil sie schön ist, und man sie laut trip advisor gesehen haben muss? Eigentlich nur sehr selten, auch wenn es wohl ein prägender Teil und der Stolz vieler Kulturen ist, wie du ja auch beschreibst. Ich finde es aber größtenteils gruselig.
    Meine bisher größte „Konfrontation“ mit Religion hatte ich letzte Jahr im Libanon – und es war eigentlich gar keine wirkliche Konfrontation, sondern nur ein ziemlicher Gedankenanstoß. Ich habe mir vorher relativ nervös viele Gedanken gemacht, was für Klamotten ich mitnehmen sollte, um die Kultur zu respektieren. Ich hatte oft gelesen, dass Mode dort sehr locker genommen wird – und ich war tatsächlich generell die mit dem längsten Rock. Besonders fand ich das Zusammenleben der vielen Religionen dort und der Toleranz gegenüber einander – zumindest in den Teilen, wo ich war – faszinierend und es passte nicht in das Verständnis von Religion, das ich aus Deutschland kannte. Es geht eben auch anders. Das war jetzt keine große Geschichte, aber wollte es trotzdem hier teilen.
    Liebe Grüße!

    1. Sehr gerne, vielen Dank für das Lob 🙂
      Ich bin ja froh, dass ich nicht damit alleine da stehe, dass ich Kirchen gruselig finde. Und vielen Dank fürs Teilen deiner Erfahrungen aus dem Libanon, ich finde das sehr spannend – mit dem Islam habe ich mich immer nur theoretisch beschäftigt, doch eine ähnliche Erfahrung in Bezug auf ungewöhnliche Toleranz bzw. ein ungewöhnliches Nebeneinander von Religionen habe ich in China erlebt. Dort ist man Daoist oder Buddhist oder einfach beides gleichzeitig bzw. besucht jede Woche einen anderen Tempel, und das ist für die Leute selbstverständlich.

  2. Ich habe mich auch ganz oft wiedergefunden in deinem Post. Ich gehöre keiner Religion an, und mir ist es auch herzlich egal, wer an was glaubt. Ich kann mal wieder nur von Taiwan berichten, in dem es völlig normal ist, Tempel für verschiedene Religionen zu haben. Dort steht dann Buddhist neben Christ neben Taoist neben Konfuzianer. So etwas beeindruckt mich – einfach friedlich zusammenleben und jeder darf an das glauben, was ihm am „glaubwürdigsten“ erscheint.

    1. Danke! In China und Taiwan ist das wirklich faszinierend, da hatte ich ja auch schon mal geschrieben 🙂 Das stellt alles in Frage, wie bei uns Religion organisiert ist, ich fand das sehr spannend damals.

  3. ¡Hola!

    Ein super Artikel!
    Ich kann leider nicht so viel von Reisen erzählen, da ich noch nicht viel gereist bin (naja zumindest nicht außerhalb von Deutschland). Ich war auf den Kanaren – aber da kann ich mich kaum dran erinnern, weil ich noch so klein war – und in Rom. Rom ist natürlich DIE Stadt beim Thema Religion.
    Trotzdem habe ich natürlich auch hier in Deutschland einige Erfahrungen mit Religion gesammelt. Ich selber bin da ehrlichgesagt noch lange nicht durch mit dem Thema, also so für mich persönlich. Insgesamt finde ich das aber alles sehr interessant. Gerade auch die katholische Kirche, fasziniert mich unglaublich. Bitte nicht falsch verstehen: Ich finde ganz sicher nicht alles gut, was sie tut, getan hat oder tun wird. Die Faszination geht für mich von der Entscheidung aus als Geistlicher leben zu wollen (was du ja auch angesprochen hast) und eben von dieser uralten und nicht gerade kleinen Institution aus.

    Das Leben im Kloster ist übrigens gar nicht immer so entbehrungsreich wie man meint. Klar, es gibt von Orden zu Orden z.T. große unterschiede, aber ein Freund von mir ist z.B. Mönch. Ich lernte ihn kennen, da war er schon lange im Kloster. Vorher hatte ich da ähnliche Vorstellungen, aber er fährt z.B. auch regelmäßig in Urlaub oder hat mich mal mit dem Motorrad besucht…

    Ich finde Kirchen übrigens gar nicht gruselig. Ich kann schwer in Worte fassen, welche Atmosphäre sie für mich ausstrahlen, aber ich denke „Ehrfurcht“ ist ein Gefühl, dass da definitiv eine Rolle spielt. Kirchen und Klöster strahlen aber nicht nur etwas ehrfurchtgebietendes sonder auch etwas zutiefst beruhigendes aus. Zumindest für mich. Ich hab immer ein bisschen das Gefühl die hektische Welt, fast sogar die Zeit hinter mir zu lassen, wenn ich eine Kirche besichtige (das mache ich nämlich gerne im Urlaub). Trotzdem würde ich mich nicht als Katholik bezeichenen. Vielleicht nichtmal als Christin, wenn man nach den Glaubensgrundlagen gehen würde.
    Ich denke auch Tempel hätten eine ähnlich Wirkung auf mich. Aber ich war eben bisher nur in Kirchen…

    Ganz liebe Grüße
    Marina

    1. Vielen Dank erst mal! Ich kann Faszination über Religion sehr gut verstehen – gerade, wenn einem das Ganze fremd ist bzw. man selbst nicht glaubt, kann man sich ja umso mehr wundern darüber, warum andere Leute das tun und sogar ihr Leben der Religion widmen… Ein Mönch mit Motorrad? Das ist natürlich ziemlich cool 😀 Dann sind Klöster in Deutschland wohl doch sehr anders als hier in Ecuador. Vielleicht, weil es in Deutschland einfach mehr Nachwuchsprobleme gibt? Ich habe letztens ein weiteres Kloster in Quito besucht und dort wurde mir erzählt, dass es immer mehr Nachfrage als Angebot gibt, sozusagen – einfach, weil es für viele Familien noch immer wichtig ist, eine Person in der Familie zu haben, die für diese beten kann, und ein Sohn oder eine Tochter im Kloster auch Prestige bedeutet.

  4. Meine Meinung zur Religion im Allgemeinen, Klostern und Priestern ist genau die gleiche wie deine, das hast du mal wieder gut auf den Punkt gebracht. Viele religiöse Sachen kann ich auch nicht so ganz nachvollziehen. Auf Reisen spielte Religion keine große Rolle für mich, ich mein, ich schau mir gerne mal eine schöne Kirche an, aber für mich ist es“nur“ ein Gebäude. Die Kirchen, die du fotografiert hast, finde ich auch alle sehr schön 🙂
    Als ich mal auf einem Italienaustausch war, war das mit der Religion schon etwas anstrengend, jeden Sonntag früh in die Kirche, an Weihnachten eine stundenlange Messe anstatt Feiern mit der Familie und für alle war es total selbstverständlich und für mich einfach nur anstrengend. Und wenn man gesagt hat, dass man nicht an Gott glaubt und nicht in die Kirche geht zu Hause, war die Gastfamilie etwas angepisst. Aber manchmal gab es Kuchen und Kakao nach der Messe, das war das beste 😀

    1. Ohje, das mit Italien klingt tatsächlich sehr anstrengend. Das ist auch so einer der Gründe, warum ich in Lateinamerika nie in eine Gastfamilie wollen würde (es sei denn, ich kenne sie total gut) – viele Familien hier sind sehr religiös, und da würde es mir schwerfallen, mich anzupassen. Aber Kakao und Kuchen klingt doch gut, und naja, so etwas kennen zu lernen, ist für sich ja auch schon mal eine Erfahrung 😀

  5. Was für ein toller Artikel! Ich interessiere ich mich unheimlich für Religion und habe bisher den Islam und den Buddhismus auf meinen Reisen näher kennenlernen können. Von der katholischen Kirche bin ich persönlich nicht so überzeugt und fühle mich da nicht so angesprochen aber ich finde es trotzdem immer wieder spannend darüber zu lesen oder die Kirchen (wenigstens von außen, denn in eine Kirche gehe ich auf Reisen auch nie :D) anzusehen. Ich war auf einer islamischen Hochzeit in Indonesien und habe in Thailand ein buddhistisches Fest mitgefeiert und fand beides sehr prägend und bereichend für meine spirituelle Reise. Bin da aber noch längst nicht fertig, ich möchte nämlich unbedingt einmal nach Indien (geplant nach meiner Ausbildung in knapp 2 Jahren) und auch den Hinduismus kennenlernen. Ich selbst würde jetzt nicht sagen, dass ich Buddhistin/Christin etc. bin, aber ich glaube aufjedenfall an etwas. Auch irgendwie von von allen Religionen ein bisschen fühle mich aber zum Buddhismis sehr hingezogen. Aber genug von mir, du siehst, ich bin auch etwas verwirrt was die ganzen Religonen betrifft aber aufjedenfall spirituell 😀 deswegen wird Indien auch meine „sprituelle Reise“ sein. Was ich aber zum Schluss noch sagen möchte ist, dass ich es toll finde, dass du als Atheist trotzdeme über Religion nachdenkst, hinterfragst und uns an deinen Gedanken teilhaben lässt 🙂 leben und leben lassen!

    1. Danke! 🙂 Das klingt sehr spannend – toll, dass du dich für das Thema begeistern kannst und da so offen bist. Ich glaube, gerade in Asien ist Religion nochmal etwas ganz anderes als in Europa (und den ehemaligen Kolonien in Amerika und Afrika), zumindest habe ich das in China so empfunden. Auch, wenn mir der katholische Glaube relativ fremd ist und es natürlich auch Unterschiede im Glauben in Deutschland und in Lateinamerika gibt, ist es zumindest mehr oder weniger die Kultur, in der ich (in Bayern auch noch 😀 ) aufgewachsen bin. In China war alles, was Religion anging, völlig fremd – und umso spannender.

  6. Also ich glaube an gar nichts… aber trotzdem interessiere ich mich unheimlich dafür, warum andere Menschen an etwas glauben. Irgendwie würde ich so gern verstehen, wie man an etwas glauben kann, für dessen Existenz es keinen Beweis gibt.
    Dennoch finde ich den Gedanken sehr schön, dass man immer etwas hat, dass Trost und Hoffnung spenden kann. Bei mir müssen dafür halt immer Freunde und Familie herhalten – aber wenn die gerade keine Zeit oder Lust haben, sich meine Sorgen anzuhören, dann falle ich oft in eine Art Loch… da wäre ein Glaube vielleicht manchmal ganz schön.

    Liebe Grüße

  7. Ich finde deine Gedanken zu dem Thema sehr interessant. Gerade die Theodizeefrage hat mich auch lange Zeit beschäftigt, bis ich festgestellt habe, dass es eben keine Antwort gibt. Sondern ich mir selbst eine Antwort gebe in Form meines Glaubens, mit der ich dann zufrieden bin. Für mich ist eine Kirche vor allem ein Ort der Gemeinde. Wo man zusammenkommt, miteinander seinen Glauben lebt, aber auch das Miteinander lebt. Dunkle, schwere Mamorkirchen wie es sie zum Beispiel auch in Norditalien relativ viel gibt, bedrücken mich aber auch eher. Ich mag es lieber hell. Als du die reich verzierte Kirche neben den einfachen Häusern angesprochen hast, kam mir der Gedanke, dass die Menschen sie vielleicht so ehren, weil es ein gemeinsamer Ort ist. Du kannst nicht sagen, dass dieses Haus dem reichsten Mann der Stadt gehört oder so. Die Kirche ist für alle da. Karl Marx hat mal gesagt, dass die Kirche das Opium des Volkes sei. Auch das ist sicherlich nicht ganz so falsch, andererseits kann man das nicht so verallgemeinern, finde ich. Natürlich tröstet der eigene Glaube, wenn man ihn glaubt. Er kann einen auch in Untätigkeit versinken lassen. Doch genauso gibt es wunderbare Beispiele dafür, wie ein Glaube die motivierende Kraft für kleine und große Taten sein kann.

    Nun zu deiner eigentlichen Frage in den Kommentaren: Als ich in Ägypten und in der Türkei war, habe ich mich sehr viel mit dem Unterschied zwischen Religion und Tradition beschäftigt. Man kann in den meisten Ländern diese beiden Aspekte nur sehr schwer oder auch gar nicht trennen. In der Türkei sind offiziell (laut Angabe auf ihrem Pass) 90% der Bürgerinnen und Bürger muslimisch. Der Teil der Gläubigen jedoch ist weitaus geringer. Trotzdem werden gewisse Rituale (die in meinen Augen eher zur Religion gehören) aufgrund ihres traditionellen Wertes einfach so praktiziert. Ohne Reflektion und aber ja irgendwie doch mit Bezug zur Religion, trotz Unglaube. Und daher entstehen vielleicht auch Aussagen wie „Dutschland ist ein christliches Land“ oder „Die Türkei ist ein muslimisches Land“. Weil man die Tradition nicht unbedingt von der Religion trennen kann.

    Viele Grüße und noch viel Freude in Quito!
    Malika

    1. Das mit dem Haus der Gemeinschaft ist ein interessanter Punkt. Und doch stößt mir das irgendwie auf, da gerade die katholische Kirche so unglaublich protzig baut – einfach ein krasser Gegensatz zur Lebensrealität der meisten Menschen in Lateinamerika. Letztendlich gehört die Kirche ja nicht der Gemeinschaft, sondern immer noch der katholischen Kirche – die zwar an vielen Stellen Gutes tut, aber im Prinzip ja einfach eine extrem ineffiziente Institution ist… Aber klar, Gemeinschaft ist natürlich ein wesentlicher Punkt bei jeder Religion! Wobei in Lateinamerika meines Gefühls nach eh eine andere Gemeinschaft besteht als in Europa – gerade in den Armenvierteln der Städte stammen ganze Straßenzüge aus demselben Dorf, feiern regelmäßig Feste auf der Straße, helfen einander aus, wenn das Geld knapp wird… Da besteht Gemeinschaft sozusagen ohnehin, anders als bei uns. Dieses Anonyme, oder auch „Abgehängte“, die nirgends Anschluss finden, gibt es gerade in den ärmeren Gesellschaftsschichten nicht.
      Deine Gedanken zu Tradition und Religion finde ich sehr spannend! Natürlich kann man beides nicht trennen, und natürlich ist zum Beispiel auch mein Freund, der in Ostdeutschland aufgewachsen ist und nie irgendetwas mit Religion zu tun hatte, christlich geprägt, auch wenn er das selbst vielleicht nicht so sagen würde. Selbst Atheisten feiern in Deutschland ja schon allein Weihnachten und Ostern, das ist vielleicht das Offensichtlichste 🙂 Und ansonsten sind wir natürlich auch von christlichen Werten geprägt (auch, wenn solche Begriffe heute doof instrumentalisiert werden).
      Vielen Dank für deinen Kommentar und die Denkanstöße!

  8. ich sehe das mit der religion wohl sehr ähnlich wie du. für mich ist religion irgendwo immer damit verbunden, verantwortung für das eigene leben abzugeben. wenn ich die „schuld“ jemand anderem zuschieben kann – für leid, tod, trauer, dann erscheint mir das einfacher zu verkraften. es erscheint mir leichter, jeden tag ein gebet zu sprechen, für einen besseren job, mehr geld oder sonstige veränderungen, als es tatsächlich selbst anzupacken. wenn etwas nicht klappt zu sagen „gott hat es so für mich vorgesehen“ als sich fragen zu müssen „was habe ich falsch gemacht?“ vielleicht ist diese einstellung gemein, vielleicht steckt für gläubige dahinter viel mehr, das mag sein – ich jedenfalls hab keinen zugang dazu. manchmal beneide ich allerdings diejenigen, die ihn haben – genau aus diesen gründen.

    1. Danke für den Kommentar! Mir geht es da ganz ähnlich – wahrscheinlich wird es auf beiden Seiten immer Leute geben, die den jeweils anderen nicht verstehen können bzw. gar keinen Zugang dazu haben 😉

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