Weit weg von Zuhause auf Elefanten reiten, am Strand entspannen und gleichzeitig etwas Gutes tun, etwas in der Welt verändern – für viele junge Leute klingt das wie der Inbegriff einer perfekten Fernreise. Nicht nur NGOs, sondern auch zunehmend Reiseveranstalter springen auf diesen Zug des „Volontourism“ auf und bieten Komplettprogramme an. Einen Monat im Waisenhaus in Uganda aushelfen, eine Woche Holzhütten bauen in Costa Rica, zwei Wochen Englischunterricht halten in Indien… Die Liste an Aktivitäten ist lang, doch die Werbung sieht für die meisten Angebote ähnlich aus: Schwarze Kinder tummeln sich um eine weiße blonde Freiwillige oder hören dieser geduldig beim Unterricht zu, dazwischen ein paar Naturaufnahmen, neue Freunde vor Safari-Kulisse.Die Programme der Veranstalter laufen oft sogar unter Schlagwörtern wie „ethischer Tourismus“ oder Nachhaltigkeit. Doch gut gemeint ist oft sehr weit weg davon, wirklich gut zu sein. Kurzzeit-Freiwilligenarbeit auf Reisen schadet zumeist mehr, als dass sie nützt. In diesem Artikel möchte ich ein paar Argumente liefern und versuchen, dir Auswahlkriterien an die Hand zu legen, falls du doch einmal auf Reisen in einem Freiwilligenprojekt mitarbeiten möchtest.
Inspiriert zu diesem Artikel hat mich übrigens Wibke, die gerade auf der Suche nach Bloggerinnen und Bloggern war, die Volunteering-Erfahrungen mit ihr teilen wollten. Auf ihrem Blog geht bald ein Artikel mit ganz verschiedenen Stimmen online, auf den ich sehr gespannt bin. Schaut also demnächst nochmal bei ihr vorbei!
Das Problem mit Waisenhäusern
Das erste Problem, das sich bei solchen kurzen Freiwilligendiensten aufdrängt, ist besonders bei der Arbeit in Waisenhäusern oder beispielsweise in Schulen und Kindergärten gegeben. Kinder brauchen feste Bezugspersonen, vor allem, wenn sie in ihrem Leben schon viel Traumatisches durchleben mussten. Es ist schön, wenn jemand ein Händchen für Kinder hat und gerne mit Kindern arbeiten möchte, aber ein Au Pair-Aufenthalt oder regelmäßiges, kontinuierliches Engagement in Deutschland ist definitiv eine bessere Idee. Außerdem: Ein Waisenhaus ist kein Menschenzoo, aus dem du nach drei Wochen glücklich und mit vielen Fotos von dir im Kreise kleiner niedlicher Kinder zurückkehrst, sondern Heimat und Schutzort für Kinder. Wie würde es dir vorkommen, wenn in deutsche Waisenhäuser regelmäßig für zwei oder drei Wochen Touristen vorbeischneien würden, um ein bisschen auszuhelfen und sich mit den Kiddies abfotografieren zu lassen?
Waisenhäuser sind zudem in vielen Ländern vom Prinzip her sehr problematisch. Meist sind nur wenige der Kinder vor Ort wirklich Waisen, der Rest hätte eigentlich Eltern, die jedoch kaum in der Lage sind, die Kinder vernünftig zu ernähren und ihnen Zugang zu Bildung zu ermöglichen. Klingt vielleicht gar nicht so falsch, aber solche Einrichtungen zu unterstützen, ist keine gute Idee. Das Leben im Waisenhaus behindert Kinder in ihrer Entwicklung und sollte immer der allerletzte Ausweg sein. Hier noch Unterstützung zu leisten, ist eher kontraproduktiv.
Die Frage der Qualifikation
Den potentiellen Freiwilligen wird in den Programmflyern und Angebotskatalogen von Reiseveranstaltern suggeriert, sie könnten jede erdenkliche Aufgabe erfüllen. Oft sind nicht einmal Bewerbungsgespräche erforderlich. Ohne Spanischkenntnisse in Guatemala eine Schulklasse unterrichten? Als Abiturientin HIV-positive Frauen in Südafrika psychologisch betreuen? Ohne jemals einen Hammer in der Hand gehabt zu haben einen Brunnen für eine Schulklasse in Bangladesch errichten? Alles kein Problem! Ganz ehrlich: Du wirst im Ausland schon genug damit zu tun haben, dass du die Sprache nicht (perfekt) beherrschst, dass du einer dir fremden Kultur begegnest und dass du erst einmal die Strukturen deiner Organisation durchblicken musst – und da willst du dann auch noch etwas tun, für das du nicht ausgebildet bist?
![]() |
| Szenen (m)eines Freiwilligenjahres: Gründe, Auswirkungen und Effekte von Umweltproblemen |
Wenn du in einem Projekt mitarbeitest, mit dem du inhaltlich rein gar nichts am Hut hast, wirst du bestenfalls wenig helfen und im schlimmsten Fall wird deine Arbeit absolut kontraproduktiv sein. Die Bloggerin Pippa Biddle erzählt zum Beispiel hier davon, wie sie im Rahmen eines Klassenausflugs in Tansania eine Bibliothek aufbauen sollte. Jeden Tag arbeiteten die Jugendlichen aus den USA sechs Stunden oder mehr und schichteten Ziegel aufeinander. Und jede Nacht rissen tansanische Arbeiter die windschiefen Mauern ab und setzten selbst neue, gerade Mauern auf, ohne den Volunteers etwas zu sagen, um den Schein aufrecht zu erhalten. Bei so einem Bau-Projekt mag der bleibende Schaden relativ gering sein. Doch wie ist es, wenn beispielsweise Jugendliche mit Aufgaben betreut werden, die eigentlich professionelle Pädagogen oder Psychologen übernehmen sollten?!
Wenn du einen Freiwilligendienst machen möchtest, egal ob dieser kurz oder lang ist, überleg dir vorher, was deine Fähigkeiten sind und wie du sie einbringen kannst. Stell dir bei Projekten immer die Frage, ob du auch in Deutschland für diese Aufgabe qualifiziert wärst. Wenn nein, überleg dir etwas anderes – und begreife, dass ein Freiwilligendienst eine Möglichkeit für dich ist, viel zu lernen und zu interkulturellem Austausch beizutragen, und verabschiede dich von der Idee, zu helfen.
Schwarzes Elend, weiße Helfer
Die Menschen im Globalen Süden, also in Afrika, Asien und Lateinamerika sind arm, und ihnen muss geholfen werden – von Menschen aus Europa oder Nordamerika. Dieses Bild haben wir derart internalisiert, dass wir uns über die Darstellung von Menschen in Flyern von Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit, in Hollywood-Filmen oder bei Reiseveranstaltern gar nicht mehr wundern. Dass es aber auch in Deutschland Menschen gibt, die Hilfe benötigen und dass auch in Namibia oder Kambodscha junge Leute Medizin oder Ingenieurswesen studieren, blenden wir aus. Wie so oft möchte ich hier wieder Chimamanda Adichie zitieren: The single story creates stereotypes. Die eine Geschichte, die wir immer wieder hören, schafft Stereotype. Das Schlimme an Stereotypen ist nicht, dass sie nicht wahr wären, sondern dass sie unvollständig sind. Die eine Geschichte, die wir über Menschen aus bestimmten Teilen der Welt hören, raubt ihnen Würde und betont Unterschiede zwischen Kontinenten statt Gemeinsamkeiten.
Wer aus einem Land des Globalen Nordens kommt und unreflektiert als „Helferin“ in den Süden reist, wiederholt diese eine Geschichte vom schwarzen Elend und den weißen Helfern, die wir ohnehin durch Medien, Hilfsorganisationen und Werbung immer wieder hören. Besonders wenn Freiwilligen eingeimpft wird, dass ihre Arbeit hilfreich und sinnvoll wäre, auch wenn sie keinerlei Qualifikation besitzen, wirkt Entwicklungszusammenarbeit simpel und die Probleme vor Ort werden degradiert, so als könnten sie durch Hilfe von außen ganz schnell und einfach gelöst werden. Und wer nicht auf die Art seiner Berichterstattung achtet, wenn er von einem Freiwilligendienst zurückkommt, wiederholt schnell Stereotype in Bild und Text.
Eigentlich wäre das Geld ja sinnvoller…
Verbunden mit dem Punkt der Qualifikation ist die Frage danach, ob es nicht sinnvoller wäre, den Geldbetrag, den man an den Reiseveranstalter zahlt, direkt an die jeweilige Institution zu geben. So könnten beispielsweise lokale Arbeiter angestellt werden, die die anfallenden Aufgaben schneller und effektiver erledigen als die deutschen Freiwilligen. Nicht nur beim Bau von Bibliotheken, auch beispielsweise in sozialen Projekten können lokale Arbeitskräfte viel mehr bewirken. Sie sind nicht nur langfristig angestellt, sondern kennen sich in der jeweiligen Kultur aus und haben keine Probleme mit der Sprachbarriere. Ein positiver Effekt wäre auch die Förderung der Wirtschaft vor Ort und das Schaffen von Arbeitsplätzen.
![]() |
| Szenen (m)eines Freiwilligenjahres: Beim Müllsammeln am Strand |
Klar, wenn man diesen Punkt als Argument nimmt, wird jeder Freiwilligendienst, egal ob kurz oder lang, sinnlos. Das möchte ich mit diesem Artikel aber gar nicht sagen. Ich denke, dass möglichst lange, reflektierte, gut vorbereitete Freiwilligendienste sinnvoll sind – jedoch nur zum Teil für die jeweilige NGO oder das entsprechende Projekt. Vielmehr können Freiwilligendienste einen Austausch schaffen zwischen verschiedenen Kulturen und Vorurteile auf beiden Seiten reduzieren. Sie sensibilisieren für Armut und globale Ungleichheiten und lassen im Idealfall Freiwillige zurück, die durch ihre Zeit im Ausland selbstständiger, flexibler und reflektierter geworden sind und in Zukunft noch viel Gutes für die Welt schaffen können.
Willst du reisen – oder willst du etwas Gutes tun?
Ein Freiwilligendienst sollte keine reine Spaßveranstaltung sein, sondern im Idealfall nachhaltig wirken und immer verantwortungsvoll behandelt und bedacht werden. Versuch, deine eigenen Motive zu hinterfragen. Willst du eigentlich nur alle Facetten des Landes sehen? Dann ist eine Reise ohne Volunteering-Bestandteil die bessere Wahl. Willst du deinen Lebenslauf aufpolieren? Dann versuch, dich in deinem Heimatland zu engagieren, dafür gibt es genügend Möglichkeiten. Oder willst du wirklich ein bisschen was bewirken, viel lernen und zu interkulturellem Austausch beitragen? Das ist leider nicht in ein paar Wochen zu haben, dafür benötigt es eine lange Zeit des Aufenthalts vor Ort plus intensive Vor- und Nachbereitung. Und selbst dann musst du dich von dem Gedanken verabschieden, ganze Familien aus dem Elend zu holen.
Wenn du nur wenig Zeit mitbringst und trotz dieses Artikels noch unbedingt Voluntourism betreiben möchtest, such dir ein Projekt beispielsweise im Bereich Umwelt, in dem du mit ein bisschen körperlichem Einsatz helfen kannst und keinen Kontakt zu verletzlichen Gruppen wie Kindern hast. Im Idealfall findest du ein kurzes Projekt oder Workcamp, das in der Zeit deines Aufenthaltes abgeschlossen wird. Vertraue auf seriöse Anbieter oder wende dich direkt an Institutionen und NGOs, anstatt überteuerte Volunteering-Programme über Reiseveranstalter zu buchen. Und: Finger weg von sozialen Projekten, denn dort schaden unausgebildete Freiwillige meist wirklich mehr, als sie nutzen.
Egal, für welche Form von Freiwilligendienst du dich entscheidest, ob kurz oder lang: Bleib reflektiert, verzichte auf zu schnelles Urteilen über Strukturen vor Ort und akzeptiere, dass du da bist, um zu lernen, nicht um zu helfen.
Diesen Artikel möchte ich übrigens zu Marens Aktion „Blogger denken nach“ einsenden, denn im Juni heißt das Thema: „Nachhaltig reisen – nur wie und wohin?“ Vielleicht hast du ja auch Lust, dich mit dem Thema zu beschäftigen und einen Artikel einzusenden?
Und wie immer würde mich natürlich deine Meinung interessieren. Hast du selbst schon mal einen Freiwilligendienst gemacht oder warst als Volontourist unterwegs? Was waren deine Erfahrungen? Gehst du mit mir konform, hast du eine ganz andere Meinung oder kennst du positive Gegenbeispiele?
Weiterführende Infos:
Weltreiseforum: So richtest du mit Freiwilligenarbeit keinen Schaden an
Stern: Erst Waisenhaus, dann Safari
PSMag: The Narcissism of Global Voluntourism
heldenwetter: Wie „wir“ über „die“ schreiben



