Meine Lieblingsstadt

Es ist zwar nun auch schon wieder eine Weile her, aber ich hatte euch ja bereits über die Blogparade „Meine Lieblingsstadt“ informiert. Heute bin ich dran und mache den Abschluss der Reihe, weshalb ich euch gar nicht mehr auf den morgigen Post verweisen kann. Gestern hat allerdings Sarah ihre Lieblingsstadt vorgestellt und vorgestern Jaqueline.

Ich hoffe, ich habe ein paar von euch ins Grübeln gebracht, welche Stadt ich denn vorstellen würde. Eigentlich habe ich keine wirkliche Lieblingsstadt. Regensburg ist eine traumhaft schöne Stadt und noch dazu meine Heimat, Lima war eine unglaublich spannende Erfahrung, trotz bisher nur kurzen Aufenthalten fand ich zum Beispiel Prag oder Granada toll und Jena hat mich so wundervoll aufgenommen. Aber um eine etwas unbekanntere Stadt vorzustellen (oder zumindest eine, von der kaum jemand ein konkretes Bild hat), gibt es heute einen Artikel über Lima, Peru.

Lima,
viele nennen dich „die Chaotische“, und ja, du bist voll, laut und chaotisch. Allein dein Stadtbild ist ungeplant, Chaos pur. Immer weiter wächst du an der Pazifikküste entlang und hast mittlerweile eine Nord-Süd-Ausdehnung von über 120 Kilometern erreicht. Das ist doppelt so weit wie von Jena nach Erfurt, und da liegt sogar noch Weimar dazwischen. Nach und nach wird jeder deiner staubigen Hügelhänge besiedelt, heimlich, über Nacht, mit ein paar Brettern und Wellblechplatten, später folgen Steine, Glas und Beton, und erst dann befestigte Straßen oder fließendes Wasser. Hier in Deutschland sehe ich eine Ampel auf einem leeren Feld stehen, wo später mal eine Straße hinkommen soll, und muss an dich denken, an deine Kopflosigkeit und deine Spontaneität.

Chaos pur, das sind deine Straßen, dein Bus“system“, deine Märkte. Dein größter Markt hat sich inzwischen über mehrere Blocks ausgedehnt, und dort finden sich fiepende Hundewelpen neben Fernsehzubehör aus dem letzten Jahrhundert und illegal gebrannten DVDs. Ein Mann neben mir leert eine Kiste Festplatten auf eine Decke am Boden aus, ein anderer führt an einer Ecke Zaubertricks vor und um mich herum laufen in ohrenbetäubender Lautstärke mindestens vier verschiedene Musikstile. Lima, du bist konstante Reizüberflutung. Zu viele Bilder, Gerüche, Geräusche auf einmal, um alles aufzunehmen, und das beinahe 24 Stunden am Tag.

Manchmal bist du außerdem ziemlich dreckig und du stinkst. Ich erinnere mich an den Dreckfilm, der ein Jahr lang quasi konstant auf meiner Haut lag, und daran, wie schwarz meine Füße jedes Mal waren, wenn ich in Sandalen durch deine staubigen Straßen gestapft bin. Und an die Überlegung jeden Morgen, welche Stadtteile ich heute betrete – um meine guten Sachen nicht dreckig zu machen.

Lima, eine Fahrt durch dich ist eine halbe Weltreise. Nicht nur, weil sie ewig dauert, sondern auch, weil jeder einzelne deiner Teile wie ein anderes Land, nein, eine andere Welt, ist. Da wären Miraflores und Barranco mit ihrer hübschen grünen Küste, San Isidro mit seinen hohen, modernen Bankgebäuden, Pueblo Libre mit seinen netten Parks und Familienhäusern, das Centro mit seinen mächtigen, aber verfallenen Kolonialbauten, Villa Maria mit seinen endlos in Richtung Süden reichenden Hügeln, La Molina mit seinen menschenleeren Straßen und Villen hinter hohen Mauern. Und noch viele viele mehr. Wenn man in Lima jemanden kennen lernt, ist die erste Frage, aus welchem Teil von Lima er denn stammt. Denn so kann man jeden einschätzen – beziehungsweise seine ökonomische Situation.

Du bist bestimmt nicht überall schön, aber welche 10-Millionen-Stadt kann das von sich behaupten? Über viele solche Städte wird gesagt, man kann sie entweder lieben oder hassen. Bei dir geht das mit dem Lieben nicht so gut. Für die meisten deiner Bewohner ist es eher eine gewisse Hassliebe. Wenn sie mal wieder stundenlang in unbequemer Position im vollgestopften Bus ausharren, durch regelrechte Müllberge stapfen und den schwarzen Rauch wegfahrender Autos aushusten. „Warum ziehst du denn nicht woanders hin?“, ist allerdings eine Frage, die nur ein Außenstehender stellen kann. Denn Wegziehen, das wäre für die Limenios unvorstellbar. Außerhalb von Lima existieren schließlich eh nur Lamas und Berge.
Vielleicht bin ich ja selbst zu einer Art Limenia geworden. Denn mir geht es ganz genauso, ich hab dich manchmal geliebt, manchmal gehasst, und nun habe ich wirklich Sehnsucht nach dir. Wie gern würde ich mal wieder einen deiner Sonnenuntergänge über Barranco und Chorrillos beobachten, auf dem Mercado Central tausende seltsame Dinge entdecken und in einem deiner scheinbar nur noch von Klebeband zusammengehaltenem Minibus durch die Straßen brausen. Zwar glaube ich nicht, dass wir für immer zusammengehören, aber ich will dich mal wieder erleben, gern für ein paar Monate, vielleicht länger. Wir sehen uns, hoffentlich bald.

Vor dem Text – Bild von San Cristóbal auf Limas Norden
Nach dem Text 1 – Straße im Centro
2 – Parque Kennedy in Miraflores bei einem Fest
3 – Straße zum Meer in Barranco
4 – Zweitgrößter Friedhof der Welt „Nueva Esperanza“ in Villa Maria
5 – Hochhäuser in Miraflores/San Isidro
6 – Strand in Barranco
7 – Larcomar in Miraflores bei Sonnenuntergang
8 – Vergnügungspark im Centro mit Blick auf San Cristóbal, Rimac
[ssba]

9 Gedanken zu “Meine Lieblingsstadt”

  1. Eine Hassliebeserklärung an Lima. 🙂 Wie schön. Hat mir wirklich Spaß gemacht den Text zu lesen und es ist, als würdest du deine Sehnsucht auf eine Stadt die ich gar nicht kenne, auf mich übertragen. Auch wenn ich schon im Ausland bin, packt micht jetzt das Fernweh. Wir gerne würde ich all diese Dinge sehe, die du gesehen hast.

    Liebe Grüße, Mona
    Traumtänzer

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