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Ist das noch Russland? Eine Reise nach Kasan

Schon mal was von Tatarstan gehört? Ich auch nicht. „Wow, zu den Tataren wollte ich immer mal!“, sagen osteuropainteressierte Freunde auf Nachfrage. „Hierzulande noch recht unbekannt“, sagt Google. „Was willst du denn da?“, sagen meine Eltern. Ohne Ahnung, aber dafür mit umso mehr Vorurteilen über Russland reise ich an – und werde überrascht wie auf kaum einer Reise. Eine Geschichte von einer Stadt im Aufbruch und vielen Ungewöhnlichkeiten.

Russland und ich

Ich war noch nie in Russland. Das liegt nicht daran, dass mich eine Reise nicht interessiert hätte und hat auch keinen Putin-Boykott zum Grund – im Gegenteil, Russland erschien mir immer wie ein sehr tiefgründiges Land, und auch, wenn ich mit einer Politik nicht einverstanden bin, halte ich nicht viel von isolierenden Reiseboykotten. Nein, mir kam es immer so vor, als könnte eine Reise in das riesige Land zwischen Europa und Asien nicht „einfach so“ passieren, als bräuchte man einen schwerwiegenden Grund dafür. Vielleicht liegt das daran, dass Russland in meinem Kopf vieles ist, ein weltpolitischer Akteur, der große Feind im Kalten Krieg, Putin oder auch Ballett – aber garantiert kein entspanntes Touristenziel. Endlose Distanzen, extremes Wetter, eine fremde Schrift, verschlossene Menschen und weite Nadelwälder, das sind eher die Assoziationen, die mir in den Kopf schießen. Kein Land für sanfte Gemüter eben, sondern eine einzige große Mutprobe.

Noch dazu ist mir Russland in Deutschland immer gleichzeitig fern und nah vorgekommen, und das nicht unbedingt auf eine schmeichelhafte Art und Weise. „Die Russen“, das waren in meiner Kindheit Spätaussiedler – Mütterchen, die mit Kopftüchern aus der Kirche kamen, oder Jugendliche, die sich hinter dem Spielplatz mit Wodka die Kante gaben. Oder die Leute, über die sich meine Uroma, geprägt von Kriegserfahrungen, echauffierte, als sie unter ihr einzogen.

Für Russland, das war mein Gefühl, muss man entweder besonders gebildet sein, melancholisch, Nussknacker, Dostojewski, oder – nunja, besonders geprägt, Putin, Sonnenblumenkerne, Adidas-Anzug.

Ab nach Kasan!

Und dann bekomme ich eine E-Mail, ob ich nicht mitkommen will, nach Tatarstan. Da ist er, mein Grund, und ich ziemlich aufgeregt. Tatarstan, das muss ich erst mal googlen, aber eigentlich ist’s mir auch egal, Hauptsache, Russland, wer weiß, ob man da so schnell nochmal hinkommt.

Schon der Beantragungsprozess für mein Visum bestätigt all die Klischees, die ich im Laufe meines Lebens aufgesogen habe. Da ich nach Tatarstan noch ein paar Tage in Moskau verbringen und dort auch noch couchsurfen möchte, ist es quasi unmöglich, ein Visum auf normalem Wege über die Botschaft zu beantragen. Die Alternative ist ein Reisebüro in Bad Honnef, wo eine Frau mit starkem Akzent meine Unterlagen entgegen nimmt: „Olga kümmert sich um Ihr Visum.“ Ich weiß nicht, ob es an mir oder an Olga liegt, dass ich mich in einen Agentenfilm der achtziger Jahre zurückversetzt fühle, vielleicht sollte ich wirklich mal meine Klischees hinterfragen. Wenig später kann ich meinen Pass abholen und meinen Namen in kyrillischer Schrift bestaunen. Und dann geht es auch schon los, natürlich mit Aeroflot, der Airline mit Hammer und Sichel im Logo.

Das erste, was in Kasan auffällt, ist das viele Wasser. Es scheint überall zu sein, und es hat die verschiedensten Formen. Der Fluss Kasanka zieht sich durch die Stadt, mal schmal wie ein Kanal, mal breit wie ein See und mal von Inseln und Engen durchzogen wie eine große Moorlandschaft. Mehrere kleine Seen liegen mitten in der Stadt. Und am Rande, die Wolga. Sie fließt vorbei, mehrere Kilometer breit, und gibt Kasan den Anklang einer Stadt irgendwo am Meer oder an einem großen See.

Die Tartaren, der Islam und Russland

Das zweite, was auffällt, ist die riesige, reich verzierte und erst 2005 neu gebaute Kul-Sharif-Moschee, deren Türme über dem Wasser aufragen. Direkt daneben, gemeinsam umschlossen von der Mauer des Kasaner Kremls, eine orthodoxe Kirche.

„Das ist nicht das wahre Russland“, sagen die Russland-Kenner und den Reiseteilnehmern, und ich fühle mich fehl am Platz, denn ich habe nun wirklich keinen Vergleich. Vielleicht hätte ich meine Reise in Moskau beginnen und nicht beenden sollen? Zumindest hilft mir vieles, was ich in Kasan sehe und höre, dabei, meine Klischees zu vergessen – und zwar nicht nur über Russland, sondern auch über den Islam.

Tatarstan ist eine autonome Republik Russlands und besitzt entsprechend eine gewisse Eigenständigkeit. Die Tartaren, die hier über die Hälfte der Einwohner ausmachen, sind die größte ethnische Minderheit im Land. Sie sprechen nicht nur eine eigene Sprache, sondern haben auch eine eigene Religion, den Dschadidismus, eine Reformbewegung innerhalb des Islam, die im 19. Jahrhundert für Modernisierung und Rationalismus und gegen Traditionalismus kämpfte.

Die Einflüsse sind heute noch spürbar: Auch, wenn Tatarstan eine muslimische Region ist, gibt es kein Verbot von Alkohol. Im Gegenteil, auf den Straßen von Kasan tobt das Leben, die Bars sind voll bis spät in die Nacht und überall finden Straßenkunst- und Musikvorstellungen statt. Frauen sind nicht verschleiert, sondern im Gegenzug nach den Regeln des Dschadidismus ein vollwertiger Teil der Gesellschaft. Und das friedliche Zusammenleben verschiedenster Religionen ist ein Kennzeichen von Kasan. Nicht nur, dass man von der Moschee bis zur orthodoxen Kirche höchstens zwei Fußminuten braucht – auch in den Predigten setzt man sich für Frieden und Harmonie zwischen den Religionen ein.

Russen und Tataren

Das ist für einen Teil Russlands nicht nur ungewöhnlich, sondern auch schwierig. Gerade seit dem Tschetschenienkrieg und den damit verbundenen Anschlägen wird der Islam in Russland eher als Bedrohung wahrgenommen. Dass hier 2005 eine der damals größten Moscheen des Landes gebaut werden konnte, hat mit der ganz speziellen Situation Tatarstans zu tun: Die Region ist nicht nur eine autonome Republik, sondern hat im Gegensatz zu den anderen Republiken direkt mit der russischen Regierung verhandelte Sonderrechte. Da Tatarstan einer der wirtschaftlich stärksten Teile Russlands ist, kann die Region sich das leisten – und damit eben auch Gotteshäuser der eigenen Religion bauen.

Von der doch nicht immer ganz einfachen Beziehung zwischen Russland und Tatarstan zeugt das Denkmal für die Architekten des Kreml: Während der russische der beiden mit ausgerolltem Plan über dem Schoß eine Zukunftsversion entwirft, hat der Tatare das Papier bereits wieder zugerollt und klopft dem anderen auf die Schulter, als wolle er sagen: Entwirf du nur, wir machen eh unser eigenes Ding.

Die fast 50-50 unter Russen und Tataren aufgeteilte Bevölkerung Tatarstans hat dagegen kein Interesse an einem Kampf zwischen verschiedenen Ethnien. In vielen Familien wachsen Kinder zweisprachig auf oder man springt am Esstisch von einer Sprache zur anderen. Anders als im Rest von Russland, wo die ethnischen Minderheiten vom Aussterben bedroht sind und Sprachen und Kultur kaum noch bewahrt werden, ist man hier stolz auf sein Erbe.

Zwischen Geschichte und Moderne

Ich weiß nicht, wie es im Rest von Russland ist, aber in Kasan kommt mir das Leben gar nicht hart, kalt und schwierig vor. Dafür, dass die Stadt doch eine gewisse Sonderstellung hat, spricht allerdings, dass sie nach Moskau und Sankt Petersburg die am drittstärksten von Touristen frequentierte Stadt des Landes ist. Dabei ist Kasan allerdings eher unter russischen Touristen beliebt. „Ja, ich weiß nicht, warum, aber irgendwie ist es hip geworden, nach Kasan zu fahren“, erzählt mir später eine Bekannte in Moskau. Wenn man abends durch die belebten Straßen schlendert, kann man problemlos verstehen, warum. Dass hier so viele junge Leute unterwegs sind, liegt allerdings nicht nur am Tourismus, sondern auch an der großen und bekannten Universität, die Studierende aus der ganzen Region anzieht.

Kasan ist historisch und extrem modern zugleich. Die Tataren haben eine lange Geschichte zu erzählen, die einige bekannte, bedeutungsschwere und vor allem wilde Namen einschließt – Iwan, der Schreckliche, die Mongolen und die Große Horde. Entlang des Kaban-Sees kann man tatarische Häuser bestaunen, aus Holz gebaut und so bunt und verziert, dass auch Pippi Langstrumpf hier problemlos einziehen könnte. Auch, wenn viele gut gemeinte Präsentationen der langen Geschichte auf die meisten deutschen Besucher wie absurde Folklore wirken mögen – die Legenden, die über fast jede Ecke erzählt werden können, lassen die Historie auch ohne Schauspieler lebendig werden.

Heiraten im Kessel

Gleichzeitig ist der Großteil der Stadt erst in den letzten zehn Jahren erbaut worden. Der Vorher-Nachher-Vergleich des dem Kreml gegenüberliegenden Kasanka-Ufers lässt mich ungläubig zurück: Vor zehn Jahren lag hier eigentlich nur eine große Wiese. Heute dagegen ein Hochhaus neben dem anderen, ein Riesenrad, ein Freizeitbad, rechts das riesige Fußballstadion, links der „Kessel“, ein rundes Gebäude mit großer Dachterrasse, in dem man heiraten kann. Und das tun so einige – Luftballons werden durch die Gegen geschleift, Rosenblüten geworfen, Schleier gehalten. Ich war schon bei peruanischen Massenhochzeiten und bin mir trotzdem sicher, dass ich noch nie derart viele Brautpaare an einem Fleck gesehen habe.

Der „Kessel“ ist ein modernes Gebäude, das dennoch auf der Stadtgeschichte fußt: Einst soll ein reicher Fürst an dem Ort, an dem heute Kasan liegt, Rast gemacht und seinen Diener zum Wasserholen geschickt haben. Der ließ einen goldenen Kessel versehentlich in die Wolga fallen – was der Fürst als ein Zeichen interpretierte, hier eine Stadt zu erbauen. So bekam Kasan seinen Namen – der übersetzt so viel wie „Kessel“ bedeutet. Und so, wie im „Kessel“ architektonisch und stadtgeschichtlich die Zeiten aufeinanderprallen, so kann man in den Hochzeitsgesellschaften die verschiedenen Generationen beobachten. Während die Mütter oder Großmütter mit langen Röcken und Kopftüchern auftreten, besteht der Dresscode für die Bräute und Brautjungfern definitiv aus High Heels, kurzen Röcken und langen, offenen und perfekt gewellten Haaren.

Hier zu heiraten, ist populär, weil es vergleichsweise günstig ist. Und heiraten tut man in Tatarstan wie in ganz Russland, endlich mal ein bewahrheitetes Klischee, fleißig und vergleichsweise früh. Dass das junge Heiraten landesweit trotzdem eher rückläufig ist, zumindest hier im Kessel mag man das nicht so ganz glauben.

Kasan, der Fußball und die Zukunft

Kasan ist eine irre Mischung aus Kulturen, Geschichten und Generationen – und international gesehen touristisch quasi noch so gut wie unentdeckt. Eine Hoffnung darauf, dass sich das ändern könnte, liegt im Fußball, oder genauer gesagt in der WM 2018. Das 2013 neu eröffnete Stadion war nicht nur einer von vier Austragungsorten des Confed-Cups in diesem Jahr, sondern dort werden auch 2018 Spiele stattfinden. Wer für die WM anreist, kann mit seinem Stadionticket nicht nur den nervenaufreibenden Visumsprozess umgehen, sondern auch kostenlos mit dem Zug zwischen den Austragungsorten hin- und herfahren. Für Fußball-Fans, die auch noch etwas vom Land sehen wollen, lohnt sich das definitiv.

Das Stadion scheint auf jeden Fall schon einmal bereit für den Fan-Ansturm – riesenhaft thront es über dem Fluss Kasanka. Der Bildschirm, über den Werbung flimmert, ist sogar vom Kreml am gegenüberliegenden Ufer noch gut zu erkennen, mit 150 Metern Breite und 35 Metern Höhe gibt es kein Stadion auf der Welt, das eine derart große LED-Fassade hat.

In Kasan denkt und plant man definitiv groß – und sieht sich selbst nicht nur als die drittbekannteste Touristendestination, sondern auch als inoffizielle dritte Hauptstadt Russlands, dieses Landes, zu dem Tatarstan gehört und von dem es sich doch auf so viele verschiedene Arten abhebt. Kasan und Tatarstan sind Russland und doch etwas ganz eigenes, Vergangenheit und Moderne, Islam und Party, Studentenstadt und Legende. Und die perfekte Gegend, um die eigenen Vorurteile direkt über den Rand der Kessel-Terrasse in die Wolga zu werfen.

Wieder zu Hause, stelle ich fest, dass meine Reiseplanung für das nächste Jahr zu einer Ich-will-unbedingt-wieder-nach-Russland-Planung geworden ist. Diesmal brauche ich nicht einmal einen Grund. Ob „wahres Russland“ oder nicht – vielleicht war Kasan ja doch ein ganz guter Start in meine Russland-Erfahrung.

Mehr Informationen
Kasan ist mit 1,2 Millionen Einwohnern die achtgrößte Stadt Russlands. Geographisch gesehen liegt Kasan ganz im Osten des europäischen Teil Russlands – also immer noch relativ weit im Westen. Mit Aeroflot kann man entweder über Moskau fliegen, oder die zwei Direktflüge pro Woche nutzen, die von Frankfurt aus angeboten werden.
Russland und Kasan 2018 besuchen
Der Visumsbeantragungsprozess für Russland kann nervenaufreibend sein – wer zur WM anreist und ein Spiel sieht, bekommt eine Fan-ID, mit der er ohne einreisen darf. Zusätzlich gibt es die Möglichkeit, zwischen den Austragungsorten kostenlos per Zug zu fahren: Moskau, Sankt Petersburg, Jekaterinburg, Kaliningrad, Nischni Nowogorod, Rostow, Samara, Saransk, Sotschi, Wolgograd – und eben Kasan.

Weiterlesen und -schauen: bei Puriy oder bei Daily Sports 🙂

 

Meine Reise nach Tatarstan – Transparenzhinweis
Nach Kasan und Tatarstan wurde ich von Visit Tatarstan eingeladen und bin mit einer Gruppe von Bloggerinnen und Journalisten gemeinsam gereist. Der Aufenthalt für Recherchezwecke war für mich kostenlos. Meine Begeisterung ist allerdings unbezahlbar – in diesem wie in allen Artikeln veröffentliche ich stets meine ehrliche Meinung ?
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11 Gedanken zu “Ist das noch Russland? Eine Reise nach Kasan”

  1. Schon mal von Kazan/Kasan gehört? Absolut nicht! Nicht einmal in irgendeiner Form erwähnt. Doch wenn man deine Bilder hier sieht dann frage ich mich nur eines: Warum nicht?! Mir gefallen vor allem diese Farbenprächtigen Häuser. Das muss doch wohl ein wahrer Traum sein hier einmal hinzureisen. Auch wenn aktuell allein die Idee nach Russland zu reisen wohl auf wenig Liebe stoßen wird.

    1. Da geht es dir wie mir vor meiner Reise 😀 Aber ja, es lohnt sich sehr! Und was die Liebe zu Reisezielen und die politische Situation angeht, ist meine Meinung immer, dass Reiseboykotte das Schlimmste sind, was man machen kann. Gerade in Moskau, wo ich couchsurfen war, habe ich so viele junge Leute kennen gelernt, die mit der politischen Situation ihres Landes mehr als unzufrieden sind. Ich fands spannend, mich mit ihnen auszutauschen, und sie fanden es interessant, meine Sichtweise zu hören und herauszufinden, ob bestimmte Nachrichten, von denen sie gehört haben, wahr sind oder nicht bzw. wie die tatsächliche Situation in Deutschland ist. Ich glaube, das war für beide Seiten ein Gewinn 🙂

  2. Ich will auch schon seit langem nach Russland reisen, aber von Tatarstan habe ich noch nie gehört. Allerdings schreibst Du so toll darüber, dass es auf jedenfall in meine zukünftige Reiseroute kommen sollte. Auch die Fotos sind super. Ist das Wetter immer so schön ?

    1. Ein Abstecher dorthin lohnt sich auf jeden Fall – lässt sich auch zB. in die Transsib-Route einbinden 🙂 An den Tagen, an denen wir dort waren, war tatsächlich ausschließlich Traumwetter, aber ich denke mal, das wird nicht immer so sein 😀

  3. So schön, die Stadt bei Dir im Sonnenschein zu sehen. Ich war Anfang September dort und traditionell fängt mit dem 1. September der Herbst an und dicke Wolken schieben sich vor die Sonne, die Temperaturen fallen. Ich bin mal gespannt, wie die Fußball WM 2018 in Kasan wird.
    Liebe Grüße Britta

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