Projekt Fernweh: Kairo

Nach längerer Pause geht es hier endlich mal wieder mit unserer gemeinsamen Weltreise weiter, und zwar in eine Weltregion, in der wir noch gar nicht waren: Nordafrika. Malika, die momentan in Istanbul lebt und deren Lieblingsstadt Paris ist, erzählt nämlich eine kleine Anekdote aus einer Reise nach Kairo. Viel Spaß beim Lesen, und schaut auf jeden Fall mal auf ihrem Blog vorbei!

Als ich dreizehn Jahre alt war, bin ich für zwei Wochen nach Ägypten gereist. Ägypten war anders, Kairo ist laut, staubig, voll und einzigartig. Wenn ich nicht schon vorher mein Herz dem Orient geschenkt habe, spätestens während dieser Reise…

Als ich das erste mal mit meinem Vater zu der Frau gehe, bin ich sehr neugierig. Alles ist neu für mich, das Viertel, die Hühner und Tauben auf der Straße, der Junge auf der Apfelsinenkiste, die kleinen Läden ohne Wand, einfach alles. Die Frau trägt eine Burka. Doch ihre Augen blicken nicht ängstlich oder verschlossen, so, wie ich vermutet hatte, nein, sie blicken offen und neugierig. Beim ersten Mal gibt sie uns das, was wir kaufen möchten – Klopapier.

Ich befinde mich in Maadi, einem Stadtviertel im südlichen Kairo, Ägypten. Maadi ist ein lebender Gegensatz, hier prallt das arme Kairo auf die gehobene Mittelschicht, von den umzäumten, von Nachtwächtern bewachten Häusern zum „Markt“, einer engen, schmutzigen Gasse, wo sich die schon erwähnten Läden ohne Wände befinden, braucht man knapp drei Minuten. Aus den Bäckereien strömt der Duft des süßen Sesambrotes, ein Junge, knapp 15 Jahre alt, läuft herum, ein Tablett etwa ein mal ein Meter groß mit Brotfladen auf dem Kopf balancierend.

Der Laden der Frau, die Klopapier und Spülmittel verkauft, ist klein. Man kann es kaum einen Laden nennen, eher ist es ein Verschlag. Um das Klopapier vom obersten Regalbrett zu holen, nimmt die Frau den Besen, rüttelt am Regal und fängt die Rolle geschickt mit der Hand auf. Mein Vater bedankt sich und zahlt. Auf dem Rückweg denke ich nach. Wie alt mag die Frau gewesen sein?

Eine Woche später bin ich wieder mit meinem Vater in dieser Gasse unterwegs. Als wir diesmal bei der Frau haltmachen, scheint sie Mut gefasst zu haben. Während sie nach dem Klopapier angelt, fragt sie uns: Woher wir denn kämen, ob wir Araber seien? La, verneint mein Vater, aus Deutschland kommen wir und hier sind wir, um Freunde zu besuchen. Deutschland, das ist interessant! Sie wohne hier, schon immer, erzählt sie. Hier ist es doch schön, sagt mein Vater und die Frau pflichtet ihm bei. Eh, sehr schön, aber laut und voll, das ist Kairo, das ist unser Al-Qahira. Als wir schon fast beim Gehen sind, platzt sie schließlich heraus: Sag, ist das schöne Mädchen deine Frau? Mein Vater und ich lachen. La, nein, sie ist meine Tochter! Wie kann ein junger Mann wie du schon eine so große Tochter haben? Als wir gehen, lacht mein Vater immer noch. Jung, prustet er und steckt mich mit seinem Lachen an. Zwei Ägypter in der traditionellen Galabiya sehen uns an. Gesegnet seist du, der glücklich lacht, sagt der eine.

Ein paar Tage später gehen wir wieder zu der Frau, nicht um etwas zu kaufen, sondern um uns zu verabschieden. Unser Rückflug nach Deutschland steht an. Und sie ist wirklich nicht deine Frau? La, nein, sagt mein Vater. Ja, wo ist denn deine Frau? Zuhause, sagt mein Vater. Sie ist müde und wir fahren morgen früh. Man sieht ihren Augen an, dass sie ihm nicht glaubt. Na dann, gute Reise, wünscht sie uns. Sie schenkt mir ein Schokobonbon. Pass auf dich auf, mein Mädchen!

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6 Gedanken zu “Projekt Fernweh: Kairo”

  1. Eine wirklich interessante Geschichte, in der allein durch kleine, nichtige Dinge klar wird, wie anders die Menschen dort leben.
    So richtig "gut" kenne ich ja außer Deutschland eigentlich nur Amerika und das ist ja auch sehr westlich geprägt.

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