Zagreb {Sommerurlaub 2014}

„Zagreb ist ja für viele eigentlich ein Ort, den sie nur ungern besuchen“, ist einer der ersten Sätze, die wir bei der Free Walking Tour von unserem Guide hören. Er ist sichtlich überrascht, dass fast zwanzig Leute seine Stadtführung erleben möchten. Recht hat er wohl – die meisten wollen so schnell wie möglich an die Küste, nach Split oder Dubrovnik, und sehen Zagreb nur als Zwischenstopp, den sie so schnell wie möglich hinter sich lassen wollen. Uns selbst geht es ähnlich – wir kommen aus Slowenien und wollen weiter nach Ungarn. Die Direktverbindungen zwischen beiden Ländern sind teuer, so hätten wir ohnehin eine vierzehnstündige Bahnfahrt mit Umsteigen in Zagreb auf uns nehmen müssen. Warum also nicht zwei Nächte in Zagreb verbringen und die Stadt ein bisschen kennen lernen?

Hätte ich vorher gewusst, wie gut mir Zagreb gefällt, ich wäre wohl länger hier geblieben und hätte dafür ein paar Budapest-Tage geopfert. Aber alles der Reihe nach.

Der Ausstieg am Bahnhof ist erst mal ganz schön beeindruckend. Ich glaube, die wenigsten Städte bestechen direkt, wenn man den Bahnhof verlässt. Schließlich bedeutet ein Bahnhof oft Hektik, liegt in nicht sonderlich schönen Stadtteilen und zieht viele unangenehme Menschen sowie viele Autos und Taxis an. Doch in Zagreb trete ich aus dem Bahnhof heraus und bin erst mal baff. Eine riesige Wiese liegt vor mir, davor eine Statue, ein Mann mit gezücktem Schwert auf einem Pferd, dahinter ein pompöses Gebäude. Dieser Ausblick lädt wirklich dazu ein, sofort loszulaufen und die Stadt kennen zu lernen.

Doch leider haben wir noch unsere schweren Rucksäcke auf, sind ein bisschen müde und gestresst von der langen Bahnfahrt, in der wir den Zug mit einem riesigen Haufen betrunkener Engländer teilen mussten, und noch dazu bahnt sich ein Gewitter an. Wir laufen also los zur Wohnung unserer Hosts. Da wir die kürzeste Strecke nehmen, laufen wir an Bahnschienen entlang, kaum jemand ist auf der Straße, nur vor einem kleinen Laden sitzen ein paar ältere Männer auf dem Bürgersteig, hinter uns entferntes Donnergrollen. Das Haus, das wir suchen, liegt an einem kleinen Park mit Spielplatz, der völlig verlassen ist. Langsam fängt es an zu regnen. Aus einem Gulli kommt dicker weißer Rauch. Als wir vor der Haustür stehen und klingeln, kommen Kinder angelaufen und fragen irgendetwas, das ich nicht verstehe. Die ganze Situation hat etwas Unwirkliches, Unheimliches. Kurzum – ich bin erst mal froh, drinnen zu sein, vor allem, da es nun richtig schüttet. Die Wohnung lädt dazu ein, es sich gemütlich zu machen, und es gibt eine Katze, großes Plus.

Trotzdem schaffen wir es später noch einmal nach draußen. Die kroatische Spezialität, die uns unsere Hosts empfohlen haben, muss natürlich umgehend probiert werden. Doch leider sind Strukli, wie ich im Restaurant feststellen muss, keine leckeren Strudel, sondern dünner Teig, in massig saurer Sahne ertränkt und mit Brotkrümeln bestreut – und definitiv nicht mein Fall.

Der nächste Tag kommt um einiges freundlicher daher, und wir spazieren erst mal über einen Flohmarkt in der Nähe unserer Wohnung, der um einiges sympathischer ist als der in Ljubljana die Woche zuvor. Ich hadere sogar kurz mit mir, als ich eine alte Lomo Action Sampler für umgerechnet etwa 15 Euro entdecke, aber leider gibt das Reisebudget solche Ausgaben nicht her. Egal – es ist schließlich unbezahlbar, in einer unbekannten Stadt zu stehen und einfach durch die Straßen zu laufen. Wir sehen uns die Kathedrale an und den Rest der Innenstadt, den botanischen Garten, und schließlich eines von Zagrebs absoluten Highlights, das Museum of Broken Relationships. Das ist aus einer Wanderausstellung hervorgegangen. Menschen aus der ganzen Welt wurden dazu eingeladen, Gegenstände einzusenden, die sie mit vergangenen Beziehungen verbinden – und eine Geschichte dazu aufzuschreiben. Die Gegenstände liegen irgendwo zwischen alltäglich und besonders, manche wie Briefe oder Fotos sind sehr persönlich, andere bekommen ihren emotionalen Wert erst durch die Geschichte, die ihnen anhaftet. Die Geschichten sind teils kurz, teils lang, teils sehr traurig, teils irgendwie komisch. Oft merkt man, dass die Menschen, die Gegenstände und Geschichten hier teilen, dies als Mittel benutzen, mit einer Beziehung, einem Verlust oder der Wut, die im Bauch verbleibt, abzuschließen. Ich hatte anfangs ein bisschen Sorge, dass mich das Museum traurig machen würde, aber ich fand viele Geschichten wunderbar hoffnungsvoll. Irgendwie gibt das Museum einem doch das Gefühl, das im Leben alles, auch Schlechtes, einen Sinn hat.

Eine ziemlich bemerkenswerte Sache in Zagreb sind die Straßenlaternen, die nicht elektrisch funktionieren. Stattdessen gibt es den Beruf des Lampenanzünders, der seit Generationen in einer Familie weitergegeben wird. Alle Lampen in der Stadt sind nummeriert, so dass sie jeden Abend in der selben Reihenfolge angemacht werden.

Ich habe Zagreb schon ins Herz geschlossen, und als wir am Nachmittag an der Free Walking Tour teilnehmen, habe ich durch unseren Guide, der nicht müde wird, zu betonen, dass es doch eigentlich nichts Interessantes gibt in Zagreb, ein bisschen das Gefühl, in die Seele der Stadt schauen zu können. „Das Gebäude hier wurde eigentlich für die Weltausstellung gebaut“, erklärt er, als wir tatsächlich einmal vor einer ziemlich pompösen Fassade stehen. „Aber die fand dann ja doch in Budapest statt.“ Viel Grün gibt es in Zagreb, auch viele spannende Gebäude und historische Geschichten, aber nichts, was überregional bekannt wäre. Vielleicht liegt es daran, dass die Menschen hier ihre Stadt nicht als besuchenswert wahrnehmen, vielleicht aber auch daran, dass die Stadt lange Zeit im Schatten anderer Städte lag, Budapest, Belgrad, und heute für Touristen eher die Küstenregion Kroatiens interessant ist. Vielleicht liegt es auch an der späten Unabhängigkeit, wie in Ungarn oder Slowenien, wo die Menschen Witze darüber machen, dass sie ja selbst immer von anderen beherrscht wurden. Auf jeden Fall steht diese Selbstkritik, diese Schüchternheit Zagreb gut, die Stadt kommt nicht, wie beispielsweise Budapest, mit reihenweise Sehenswürdigkeiten, riesenhaften Palästen und überregional bekannten Spezialitäten daher, sondern leiser, entspannter und dafür umso interessanter. Wenn ihr mal in die Region kommt, seht Zagreb nicht als doofen Zwischenstop, sondern freut euch drauf!

Mit diesem Blogpost nehme ich übrigens an der Blogparade „Tipps für Städtereisen“ vom Jo Igele Reiseblog teil. Schaut vorbei, bis 9.11. habt ihr noch Zeit, selbst einen Beitrag einzusenden und eine Reise nach Bremen zu gewinnen.

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7 Gedanken zu “Zagreb {Sommerurlaub 2014}”

  1. Guten Morgen!

    Als ich gerade deinen Blogeintrag las, zaubertest du mir damit ein Lächeln auf's Gesicht. Ich kann mir sehr gut vorstellen, was du mit Zagrebs Schüchternheit meinst.
    Im nächsten Jahr werde ich nach Kroatien reisen und nun steht die Hauptstadt sowie das Museum of Broken Relationships auf meinem Plan.
    Dankeschön.
    Es freut mich, dass du eine schöne Zeit hattest.

    Liebste Grüße,
    Feder Träumerin
    (himmlischerfedertraum.blogspot.de)

  2. Wie schön, Reisen aus der Konserve für mich ♥ Danke!! Sowas brauchte ich gerade heute dringend! Sehr schön auch daß ihr euch Mühe gemacht habt und diese Stadt besser kennengelernt habt. Ich glaube wenn ich auch mal dort in die Gegend komme, dann stoppe ich nicht nur für einen Tag 🙂

    Liebe Grüße,
    Sandra

  3. Deine Reiseberichte machen mir immer wieder Fernweh!
    Wer braucht schon einen Strandurlaub, wenn man stattdessen Städte kennenlernen kann…
    Jedenfalls Zagreb klingt sehr interessant 🙂

  4. Ohh wie toll! Zagreb hatte ich tatsächlich nicht so auf dem Schirm 🙂
    Das mit den Geschichten hört sich wahnsinnig toll an & ich habe sowieso einen Faibel für skurrile Sachen wie das mit den Lampenanzündern 🙂

    liebe Grüße aus Hamburg!

  5. Da hast du Zagreb ganz anders erlebt als mein Bruder – er war im Sommer auch dort für einige Tage und fand die Stadt überhaupt nicht sehenswert. Er wurde mitten am Tag fast überfallen und fand nicht wirklich schöne Ecken, die ihm gefielen. Budapest fand er dagegen (wie ich im vergangenen Jahr auch) großartig 🙂 Ljubljana (richtig geschrieben?) fand er ähnlich cool wie Budapest und so wie du Zagreb beschreibst: gemütlich und entspannt. Das würde ich mir eher mal ansehen…

    Lieben Gruß, Isabelle

  6. Ich komme aus Zagreb, also bin voreingenommen und finde die Stadt mehr als interessant. Die Einstellung die euer Guide hat hat mich ziemlich überrascht, habe ich so noch nie gehört. Die Altstadt ist richtig hübsch, dann der Wochenmarkt Dolac, Der Mirogoj-Friedhof …und Strukli mag man oder mag man eben nicht. Viele essen Strukli – ich auch – lieber so
    http://www.recepti.hr/upload/zagorski_strukli.jpg

    http://www.welt.de/reise/article13595303/Darum-lohnt-sich-ein-Wochenendtrip-nach-Zagreb.html

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