Wer vom Reisen schreibt, der hat verdammt viel Verantwortung

„Oh, yeah, or like last year when I went to Africa.“

Oh nein.

Alles habe ich versucht, um dieses Thema zu vermeiden. Ich habe über das Wetter gesprochen und über unsere Pläne für die nächsten Tage, hätte meinetwegen noch eine Debatte dazu in petto, wer morgen den Mietwagen fährt und welche Sehenswürdigkeiten wir ansteuern. Sogar die totgelutschte Frage nach der Authentizität von Reiseblogs hätte ich lieber diskutiert oder mich mal wieder über die mangelnde Bereitschaft von eigentlich zahlungskräftigen Kunden beschwert, Geld für Artikel in die Hand zu nehmen.

Alles, nur das nicht. Ich habe keine Lust mehr darauf, mit Reiseblogger*innen über das Reisen zu sprechen. Ich habe keine Lust mehr auf die Selbstdarstellung und die Vorurteile, auf die Übertreibungen und die Lebensweisheiten, auf das Ländersammeln und das gegenseitige Hochschaukeln, wer denn nun die spannendste, exotischste, ungewöhnlichste Geschichte erzählen kann.

Und dann geht es auch noch um diesen stets zu einem großen, kriegserschütterten, bitterarmen Land zusammengedachten Kontinent, dessen über Giraffen und Elefanten rotglühend untergehende Sonne immer wieder als Kulisse für kolonial angehauchte Fantasien naiv zivilisationsgeplagter weißer Europäer*innen herhalten muss.

Während ich noch überlege, wie ich schnellstens wieder aus dieser Konversation herausführen kann, steigt schon der Erste von den vier anderen Reiseblogger*innen am Tisch ein. „Wow, Africa. I went to South Africa once.“

„Africa just isn’t for everyone”

Ich bin auf einer Pressereise, kann also einerseits sehr schlecht weg und möchte andererseits auch nicht laut werden. Klar, gerade Letzteres ist eine feige Position, aber mit den Leuten hier muss ich die nächsten Tage noch verbringen, in diesem kleinen europäischen Land, dessen Tourismuszentrale uns eingeladen hat, werde ihnen im Hotel über den Weg laufen und mit ihnen im selben Auto sitzen, auf dem Weg zu Schlössern und Wasserfällen. Auf diesem ersten Abendessen sollen wir uns kennen lernen, und ich wäre jetzt schon lieber für mich.

„You know…“ Ich sehe die Afrika-Reisende an und stelle mit einem Zucken im linken Augenlid fest, dass auf ihrem weißen Halstuch kleine blaue Elefanten hintereinander her spazieren. Sie fängt an, von ihrer Safari zu erzählen, vom fehlenden Warmwasser und dem allgemein mangelhaften Komfort, und, ach ja, der Tatsache, dass sich die vegetarischen Safari-Teilnehmerinnen in Afrika ja echt nicht richtig anpassen konnten. Dieses Afrika, von dem sie erzählt, ist groß und leer, eine einzige Savanne, in dem Einheimische nur existieren, um Tourist*innen mit Essen zu versorgen, oh, und vielleicht noch in Form bettelnder Kinder auf der Fahrt vom Flughafen ins Safari-Camp.

Ihr Kollege hat glücklicherweise noch etwas beizutragen über die prekäre Sicherheitslage, ohne deren Abschätzung die eigene Reiseerfahrung schließlich viel weniger spannend klingt. Nachts auf der Straße in Johannesburg wollte ihm doch glatt jemand den Geldbeutel aus der Tasche ziehen. „So, I turned around and broke his nose.“ Ja, Afrika ist natürlich gefährlich, stellen wir alle fest, während ich im Stillen denke, dass es vielleicht gerade dort gefährlich ist, wo sich jemand aufhält, der Fremden auf der Straße spontan die Nase bricht.

Die Afrika-Reisende packt ihr Handy aus, schließlich sind wir alle vielbeschäftigte Reiseblogger*innen und Influencer*innen hier. Auf ihrem Iphone-Case ist ein großes Zebra abgebildet. Wow, diese Frau ist wirklich eine Expertin für das wahre Afrika, denke ich, und beiße die Zähne zusammen. Ihre Geschichte dreht sich weiter darum, was für eine einschneidende Erfahrung es für sie war, auf Wesentliches zu verzichten (auf diesem Kontinent kann man tatsächlich die Verbundenheit mit der Natur wiederfinden!), und natürlich um die mangelnde Bereitschaft ihrer viel zu wenig abenteuerlustigen Mitreisenden, in eine Komposttoilette zu pinkeln (man muss sich doch mal auf das echte Afrika einlassen!).

Unser Essen wird gebracht, zum Glück. „Well, I guess“, setzt sie zu einem Fazit an: „Africa just isn’t for everyone.”

Reiseblogs, die virtuellen weißen Dinnerpartys

Ich weiß nicht, was ich sagen soll, oder wie ich das Bedürfnis unterdrücken kann, direkt in den Tisch zu beißen. Feige stecke ich meine Gabel in die Knödel auf meinem Teller und rede mir ein, dass ich beim Dinner-Smalltalk ohnehin nicht die Ideengeschichte des Postkolonialismus abreißen kann.

Dabei wäre genau das ganz dringend nötig. Hier auf der Reise sitzen wir zu siebt am Tisch, die Blogs der Leute, mit denen ich mich unterhalte, haben jedoch Tausende Leser im Monat. Die alle paar Tage einen Artikel zu lesen bekommen, voll mit stereotypen Darstellungen von Safaris und „Buschmännern“, von der leeren, weiten Steppe und der hohen Kriminalitätsrate in südafrikanischen Großstädten, in denen „Afrika“ von 55 Ländern auf eins reduziert wird, ein weitläufiges, menschenleeres, durch das Elefanten und Zebras laufen und in denen die Einheimischen entweder klauen, nach Essen betteln oder es nicht hinkriegen, den Eintopf für die westliche Reisegruppe zu veganisieren. In denen ein ganzer Kontinent als stumme Kulisse für die Selbstdarstellung als unerschrockene Abenteurerin dient, während Geschichten, die das stereotype Bild aus Armut und Safari stören, keinen Platz finden.

Eine Weile später lese ich ein Zitat der US-amerikanisch/ecuadorianischen Bloggerin Bani Amor, die sich damit auseinandersetzt, warum und wie man Reiseblogs und die gesamte Reisekultur dekolonialisieren muss:

As a reader of travel writing, it feels like watching a dinner party where white people tipsily exaggerate their adventures abroad to one another from the kitchen while the doors swing in my face. Bani Amor

Auch, wenn’s keine Dinnerpartys waren, ganz real kenne ich so etwas zur Genüge von Bloggertreffen, WG-Partys – und eben gemeinsamen Abendessen bei Presse- und Bloggerreisen. Für mich endet das Ganze meistens mit dem schalen Gefühl, das Spiel aus Exotismus und Arroganz mitgespielt zu haben, indem ich die eine oder andere Reise oder einen meiner Südamerika-Aufenthalte ein klein wenig aufregender und außergewöhnlicher habe klingen lassen, als sie tatsächlich waren, indem ich mir zum Erzählen natürlich die spannendsten Geschichten herauspicken musste und die Tage voller Langeweile, Genervtheit und Selbstzweifeln unter den Tisch habe fallen lassen.

Und immer öfter bleibe ich mit dem Gedanken zurück, welche Türen wir eigentlich vor wem zuschlagen mit unserem gedankenlosen Geplapper und unserem grenzenlosen Darstellungsdrang.

Denn auch, wenn’s unschuldig klingen mag, von seinen Reisen zu erzählen, hat man dabei ungewollt und häufig unbewusst eine ganz schöne Verantwortung: Schließlich machen für viele, die selbst noch nicht vor Ort waren, Reiseberichte einen großen Teil der Vorstellung davon aus, wie es in dieser Stadt oder jenem Land aussieht, was dort so passiert und wie die Menschen dort ihr Leben leben.

Vom Reisen berichten, mit kolonialem Erbe im Gepäck

Und noch dazu hat man als Reiseautor*in stets einen großen, schweren Rucksack dabei, gefüllt mit einem eher unrühmlichen Hintergrund. Über das Reisen zu erzählen – gerade, wenn es dabei um Berichte aus ganz besonders „exotischen“ Ländern geht – hat grundsätzlich ein koloniales Erbe, das sich nicht leugnen lässt.

Schließlich entstammten die ersten Informationen, Bilder und Geschichten, die Menschen in Europa aus dem Orient, aus Afrika und Asien oder der „neuen Welt“ zu hören und zu sehen bekamen, zunächst einmal einem grundsätzlichen Ungleichverhältnis: Forscher, „Entdecker“ und Abenteurer berichteten von „den Wilden“, ohne sich auf deren Lebensrealität einzulassen oder diese zu Wort kommen zu lassen.

An Stelle von tatsächlicher Information und Austausch ging es darum, europäische Standards – wie das Christentum, die Schriftsprache oder binäre Geschlechterrollen und das Verhältnis zwischen Mann und Frau – als überlegen darzustellen und alles, was nicht in die bekannten Schemata passte, abzuwerten. Den „Anderen“ anzuschauen, wurde ironischerweise dazu benutzt, die eigene „Wahrheit“ als wissenschaftlich objektiv darzustellen.

Mit dieser scharfen Trennung zwischen Kolonisatoren und Kolonisierten, zwischen Zivilisierten und „Primitiven“, zwischen Wissenschaft und Tradition, und der Verbindung dieser Zuschreibungen mit körperlichen Merkmalen wurden schließlich Ungleichbehandlungen und Ausbeutung legitimiert – und lokale Wissensbestände, Glaubenssysteme oder Wirtschaftsweisen zerstört.

Das globale System des Kolonialismus wirkte so nicht nur militärisch und wirtschaftlich, sondern auch über Wissen und Bewusstsein – und tut das bis heute. Mittlerweile sprechen diejenigen, die von fernen Ländern erzählen, vielleicht nicht mehr von Zivilisierten und „Wilden“, sondern von Entwicklung und „Unterentwicklung“, aber die sprachlichen Bilder, mit denen sie das untermalen, sind häufig dieselben geblieben: Reiseautorinnen und -autoren schreiben vom „ursprünglichen“ Afrika, in dessen menschenleerer Savanne man sich an seine „Instinkte“ erinnern kann, von „rhythmischen“ Tanzeinlagen in Südamerika, wo die Menschen ganz „natürlich“ ihre Hüften im Takt schwingen, oder von Dörfern, in denen die „armen, aber glücklichen“ Bewohner den Reisenden beibringen, wie man auch mit weniger gut leben kann. Auf jeden Fall ist das, was sich weit weg von zu Hause abspielt, gerne so fremd und „exotisch“ wie möglich – ach, und gefährlich auf jeden Fall, damit man zu Hause auch etwas zu erzählen hat.

Ich will nach Afrika gehen und Rangerin werden. Ich will lernen, mit wilden Tieren zu leben, und mich wieder an meine Instinkte erinnern. Ich will herausfinden, woraus ich gemacht bin. Gesa Neitzel, Frühstück mit Elefanten
Dann geht alles furchtbar schnell. Der Rhythmus fließt durch sie hindurch und bringt sie in Bewegung. Nein, in Wallung! Es sieht aus, als wenn sie gar nichts tun müssen. Die Musik schwebt durch ihre Körper. So geschmeidig, wie es niemals ein Vorhaben oder ein Gedanke schaffen kann. So fließend, so frei, so harmonisch glänzend. Auf einmal lacht die Sonne aus ihren Herzen, aus ihren Händen und aus ihren Hüften. Die südamerikanische Melodie spielt mit ihnen und sie lassen es mit sich geschehen. Andreas Brendt, Boarderliners

Was sich gut und schlecht verkauft

Reiseautor*innen und Reiseblogger*innen haben keine koloniale Agenda im Hinterkopf. Trotzdem bedienen sie sich kolonialer Bilder und Begriffe. Kein Wunder, einerseits kommt wohl niemand darum herum: Kaum ein Ort auf der Welt, von dem nicht schon ein Bild in unserem Kopf existiert, geformt durch Reiseberichte, Romane und Nachrichtenbeiträge – in einem rassistischen Kontext, mit kolonialem Erbe. Wer nur für eine kurze Zeit an irgendeinem Ort ist und trotzdem darüber berichten möchte, dem bleibt meist keine Möglichkeit, hinter diese bestehenden Narrative zu blicken und seine eigene Sprache zu finden.

Wer ein Buch schreibt, recherchiert vielleicht ausführlicher, doch gerade Reiseblogger*innen haben hier ein Problem. Oft sind sie für ihre Recherche abhängig von Presse- und Bloggerreisen, die nur wenige Tage dauern, und, ganz ehrlich, niemand kann sich ein wirkliches Bild machen von einer Stadt, in der er oder sie anderthalb Tage verbringt – noch weniger, wenn ihm oder ihr Sprachkenntnisse und das Wissen beispielsweise über geschichtliche Hintergründe fehlen. Wenn man hinterher trotzdem verpflichtet ist, einen Artikel zu veröffentlichen, bleibt einem kaum etwas anderes übrig, als auf stereotype Formulierungen zurückzugreifen. Noch dazu hat man ähnliche Texte ja bereits in so vielen Reiseführern gelesen, was soll daran also falsch sein.

Außerdem verkauft es sich einfach gut: Leser*innen möchten unterhalten werden und meistens funktioniert dabei das am besten, was sich problemlos in gängige Narrative einsortieren lässt. Komplizierte globale Zusammenhänge machen weniger Spaß als krasse Abenteuer und lebensverändernde Erfahrungen mit exotischer Wildnis im Hintergrund – auch für die Schreibenden, schließlich möchte man Anerkennung für die verrückte, fremde Welt, in die man sich wagemutig gestürzt hat. Und wer wirklich ungewöhnliche, neue und noch nicht erzählte Geschichten in die Welt bringt, der bekommt paradoxerweise am Ende womöglich noch die Kritik, er hätte nicht das „wahre“ Afrika oder Lateinamerika gezeigt.

Und jetzt?

Aber, ganz ehrlich, die immerselben Narrative von Orten zu reproduzieren, in denen die Menschen, die man unterwegs so trifft, entweder zur Belustigung oder als Kulisse für die Selbstdarstellung der Autor*in dienen, auf jeden Fall aber möglichst „exotisch“ und anders sind als das beabsichtigte Publikum – das ist nicht nur verdammt faul, sondern trägt zu einem Kreislauf bei, in dem immer wieder dieselben Stereotype übernommen und verbreitet werden.

Der eine unbekannte Blog oder das eine Buch, das nicht auf Platz eins der Bestsellerlisten rangiert, mögen nicht automatisch das Weltbild von Hunderttausenden von Leser*innen definieren, ganz klar. Doch jeder Text, in dem die immergleichen sprachlichen Bilder reproduziert werden, stützt rassistische Denkweisen.

Platt formuliert: Jedes Buch, jeder Artikel und jeder Film, in dem „Afrika“ wie eine einzige menschenleere Steppe erscheint, deren Bewohner entweder bitterarm sind oder mit Kalaschnikows durch die Wälder ziehen, trägt auch dazu bei, dass sich Menschen aus Malawi oder Burkina Faso fragen lassen müssen, ob „es da denn überhaupt auch Autos gibt“ – und dazu, dass Reisende den Kontinent wiederum mit einer ganz bestimmten Brille besuchen, unter der für ungewöhnliche Geschichten und Erlebnisse, die den gängigen Erzählungen entgegenlaufen, kein Platz bleibt.

Diesen Kreislauf zu durchbrechen, ich glaube, dafür gibt es kein einfaches „How to“ und keinen Zehn-Punkte-Plan. Funktionieren tut das nur über aufwändiges selbstreflektives Hinterfragen der eigenen Handlungen und Texte, das manchmal auch ein bisschen weh tun muss, um Wirkung zu zeigen. Und natürlich, indem man sich nicht verschließt, sondern offen auf Kritik reagiert, gerade auf Kritik von Menschen of color.

Fangen wir’s an!

Weiterlesen?

  • Travel Writing is Inherently Colonial — But I’m Writing A Memoir That’s Different
    Bani Amor diagnostiziert in ihrem Artikel das koloniale Erbe von Reiseberichten und erzählt von ihren Wegen, damit umzugehen und ihre Texte anders zu gestalten.
  • Das Erlebnis der Grenze
    Tina Goethe beschreibt in ihrem Text ausführlich die Verwandtschaft von Rassismus und Tourismus, die an fiktiven Grenzen erfahrbar wird.
  • Broschüre „Mit kolonialen Grüßen“
    Die sehr empfehlenswerte Broschüre von glokal e.V. gibt einen Überblick über wesentliche Begriffe postkolonialer Theorien, zeigt Beispiele für problematische Reiseberichterstattung und bietet viele Möglichkeiten für die Reflexion eigener Texte.
  • Wie man über Afrika schreiben soll
    Binyavanga Wainaina liefert mit seinem Text eine ironische Anleitung dafür, wie man über Afrika schreiben soll – und entlarvt damit Klischees von Reiseberichten, Romanen oder Filmen.
  • Jumping Monkey Hill
    Die sehr lesenswerte Kurzgeschichte von Chimamanda Ngozi Adichie, die auf realen Erlebnissen der Autorin basiert, thematisiert Stereotype über das „wahre Afrika“.
Titelbild von Merylove Crafts via Unsplash

27 Gedanken zu “Wer vom Reisen schreibt, der hat verdammt viel Verantwortung”

  1. Vielen Dank für diesen Artikel, der mir wirklich aus der Seele spricht. Zwar halte ich mich für halbwegs reflektiert, aber ich möchte mir deine Worte beim Schreiben noch mehr vor Augen halten. Und ich denke einige alte Artikel sollte ich auch mal überarbeiten… Jedes Wort ist politisch und das muss man im Hinterkopf behalten, ganz besonders wenn man eine wachsende Leser*innenschaft hat.

    Mit lieben Grüßen,
    Lynn

    1. Liebe Lynn, vielen Dank für deinen Kommentar! Ich glaube auch, es gibt da keine perfekte „Lösung“, sondern nur den Weg, sich ständig weiterzubilden, Dinge zu überarbeiten, Neues zu lernen.

  2. Genau wegen solcher Artikel liebe ich deinen Blog und dein Art des Schreibens. Habe mich jetzt mehrmals gefragt, ob ich auch so oder so ähnlich je geschrieben habe und wie ich auch in meinem Buch, an dem ich gerade arbeite, schreibe. Mich interessiert die Kolonialisierung schon immer sehr und die damit verbunden Vor/Nachteile, Konflikte, Taten, Berichterstattung, Beziehungen, etc. Danke für den Input und die Verweise am Ende!

    Liebe Grüße
    Jasmin

    1. Liebe Jasmin, vielen Dank! Ich finds total spannend, dass du ein Buch schreibst gerade 🙂 Freut mich, dass ich dir da ein bisschen Input geben konnte!

  3. Ich kann mir die Gespräche gut vorstellen, die du dir hast anhören müssen. Ich kenne das zwar weniger von anderen Reisebloggern, aber ich habe das früher oft in den Hostels an den „Stammtischen“ gehört. Da wird oft undifferenziert und dumm gelabbert und das eigene Massenindividualtourismuserlebnis in eine persönliche Heldengeschichte uminterpretiert. Jeder Satz, der mit „Afrika ist“ anfängt und nicht mit „ein Kontinent“ aufhört, ist selbstredend falsch. Ich glaube, da sind wir uns einig.

    Nur: Das hat nichts mit Afrika zu tun. Der Satz ist auch falsch, wenn es um Europa, Deutschland oder mein kleines Dorf in der Schweiz geht. Daher finde ich es auch etwas problematisch, wenn du dem Ganzen etwas Postkolonialistisches versuchst unterzuschieben.

    Das zeigt sich noch deutlicher, wenn du das Phänomen aus einem anderen Blickwinkel anschaut. Mittlerweile gibt es ja sehr viel Reiseblogs von Leuten aus den Ländern des globalen Südens. Die Philippinnen haben eine grossartige Reisebloggerszene, Indien und China auch. Erst kürzlich bin ich auf einen Blog einer Ghanerin gestossen, die die Welt bereist. Wenn du da liest, findest du genau die gleichen undifferenzierten Urteile.

    Das ist keine Form des Neokolonialismus und vermutlich ist es noch nicht einmal Rassismus, sondern das ist ganz einfach die Grenze des kulturellen Verständnisses bei touristischen Reisen.

    1. Lieber Oli, danke für deinen Kommentar! Ja, solche Gespräche mussten wir wahrscheinlich alle schon zur Genüge durchstehen 🙂 Ich sehe das allerdings anders als du: Natürlich sind auch pauschale Urteile über Deutschland oder Schweizer Dörfer falsch, aber sie schlagen sich in ihren Konsequenzen anders nieder. Ich versuche nicht, dem Ganzen „etwas Postkolonialistisches unterzuschieben“, sondern koloniale Denk- und Wissensstrukturen bestehen einfach bis heute fort – was ich versucht habe, sichtbar zu machen. Postkoloniale Strukturen wirken übrigens nicht nur in eine Richtung: Auch europäische Länder sind als direkte oder indirekte Profiteure des Kolonialismus kolonial geprägt, genauso wie Stereotype über diese Länder. Und genauso sind auch Menschen, die in ehemaligen Kolonien leben, in hierarchischen, kolonial geprägten, patriarchalischen Gesellschaften sozialisiert und können genauso rassistische und koloniale Stereotype reproduzieren und undifferenzierte Kommentare machen. Das Ganze als unweigerliches „Das ist eben so“ darzustellen, finde ich falsch und auch gefährlich.

    2. Dass koloniale Denkstrukten fortbestehen, will ich gar nicht grundsätzlich bestreiten. Aber nicht jedes undifferenzierte Urteil ist Postkolonialismus, manchmal ist es eben auch ganz einfach Dummheit und Unwissenheit. Und zu deinem Schlusssatz: Berichte über „die anderen“ verraten immer mehr über das Fremdbild des Autors als über das Fremde an sich. Das kann und sollte man reflektieren, aber es lässt sich nicht vermeiden, weil eine Beschreibung zwangsläufig immer eine Interpretation ist – genauso wie dein Verständnis der Beschreibung ebenfalls eine Interpretation ist.

    3. Aber wo kommen denn die undifferenzierten Meinungen und stereotypen Bilder her, die du mit „Dummheit und Unwissenheit“ begründest? Auch diese entstammen (post-)kolonialen Denkmustern. Rassistische und koloniale Bilder im Kopf hat man ja nicht, weil man sich dafür entscheidet, wir alle wachsen damit auf. Und selbstverständlich ist jede Beschreibung eine Interpretation, ich habe nie behauptet, das vermeiden zu wollen (dann müssten wir aufhören, zu schreiben), mir geht es darum, das eigene Schreiben zu reflektieren.

  4. Eins vorab: Danke für die präzisen Beobachtungen und eine sehr gute Analyse der Unwissenheit/des Desinteresses der modernen Digital-Reisenden an komplexeren Themen. Es hat Spaß gemacht, deinem Gedankengang zu folgen. Ich dachte vor dem Lesen, dass ich mit dem Artikel mehr d‘accord sein würde, denn das Thema beschäftigt mich auch. Jedoch finde ich es schwierig, jede exotische Erzählung pauschal als naiv oder gar unbewusst kolonialistisch gefärbt abzustempeln. Den Berichten von „wildem Afrika“ liegen oft sehr persönliche Erfahrungswelten zugrunde – und einem Schreibenden, der mit dem einzigen Ziel in die Savanne geht, das „goldene Licht, die Rufe der Kojoten, die Wildnis Afrikas und seine eigenen Instinkte“ zu erleben, vorzuschreiben darüber politisch korrekter zu berichten, stünde einem Eingriff in seine ureigene Gefühlswelt gleich. Ich zweifele daran, dass jeder Autor, der ein abenteuerliches Buch verfasst, so eindimensional denkt wie die Blogger (Influencer?) am besagten Dinner-Tisch. Für das Abenteuerbuch gibt es einen Markt. Genauso wie es für brillante Sachbücher über das komplexe Gebilde des Kontinents Afrika einen Markt gibt. Du hast absolut recht damit, dass von Bloggern/Influencern, die für eine einwöchige Safari eingeflogen werden, mehr Sensibilität mit dem pauschalen „Afrika“-Bild gefordert werden kann und muss. Aber nicht jeder natur- und wildnisbegeisterte Autor muss sich mit dem Kolonialerbe und dessen Sprache auch in seinem Werk auseinandersetzen. Denn manchmal ist die „glühend rote Sonne Afrikas“ nun mal einfach glühend rot. Egal, ob man Ernest Hemingway am Kilimandscharo oder Klaus Müller in der Lodge des Krüger Parks ist.

    1. Liebe Elisa, danke für deinen Kommentar und die Kritik! Es geht mir gar nicht darum, Erzählungen als irgendetwas „abzustempeln“ oder Leute an den Pranger zu stellen. Ich möchte gerade im Gegenteil versuchen, aufzuzeigen, dass jede*r von uns mit bestimmten Stereotypen aufgewachsen ist und darüber schreiben, wo diese Denkweisen herkommen und wie sie wirken. Auch die persönlichen Erfahrungswelten, die dazu führen, dass jemand in Afrika Wildnis und eigene Instinkte erkunden möchte, fußen auf kolonialen Bildern und Denkweisen. Wenn ich mir dessen bewusst bin, kann ich es im Idealfall reflektieren. Genauso kann ich hinterfragen, ob mir tatsächlich die Sonne auffällt, weil sie so glühend rot ist, oder vielleicht eher, weil das dem romantischen Bild in meinem Kopf entspricht. Ich fordere nicht, dass jede*r Autor*in nur noch Sachbücher über politische und soziologische Hintergründe schreibt, sondern lese selbst sehr gerne Abenteuerbücher und persönliche Reportagen – und würde mir hier eben mehr Selbstreflektion wünschen.

  5. Vielen, vielen Dank für diesen großartigen und vor allem sehr wichtigen Artikel. Tatsächlich beschäftige ich mich seit mehreren Jahren mit diesem Thema und habe auch genau diesem Grund meinen Blog gegründet: Ich wollte andere Bilder zeigen, andere Geschichten erzählen, weil ich die rassistischen, sterotypen und ungebildeteten Vorstellungen kaum noch ertragen konnte. Wie du auch richtig aufgeführt hast, bin ich als weiße Europäerin vor dem kolonialen Hintergrund niemals in einer wertneutralen Position, jede Auseinandersetzung mit dem sogenannten „Afrika“ impliziert immer bis zu einem gewissen Grad eine Reproduktion der oben genannten Stereotypen, alleine unser Vokabular, das zwangsläufig verwendet werden muss, ist konnotiert. Bei dem Schreiben handelt es sich um eine Gradwanderung, die nur mit ständigem Reflektieren, Informieren und Eingestehen der eigenen Position und Prägungen gegangen werden sollte, leider sind die wenigsten Blogger an diesem Punkt und sind sich damit der Problematik in keinster Weise bewusst. Ich selbst bin auch immer wieder geschwankt, ob der Versuch anders zu berichten sich lohnt oder ob man es ganz lassen sollte, auch mein Blog lag deswegen immer wieder brach, weil ich selbst mit mir gehadert habe. Tatsächlich wirken die Strukturen auch übermächtig, auf einen reflektierten Beitrag kommen hunderte mit kolonial-stereotypen Fantasien. Trotzdem habe ich für mich entschieden, solche Auffälligkeiten anzusprechen, egal, wie unangenehm es in dem Moment ist oder wie groß die Reichweite der Menschen ist. Hoffentlich wird sich irgendwann etwas ändern.
    Liebe Grüße, Chrissy

    1. Liebe Chrissy, vielen Dank für deinen Kommentar! Ich finde es bemerkenswert, dass du dir so viele Gedanken machst. Jeder Beitrag zählt, manchmal weiß man gar nicht, wen man alles so erreicht 🙂

  6. Hey Ariane, absolut notwendiger und relevanter Artikel – vielen Dank dafür! Anfangs war ich noch überrascht, wie unreflektiert in Reiseberichten diese Binärstruktur vom „wilden“ globalen Süden gegenüber unserer „zivilisierten“ Welt aufrecht erhalten wird. Inzwischen habe ich auch einige Pressereisen mitgemacht, wo ich die Personen hinter den Blogs kennenlernen konnte. Da waren oft Blogger*Innen dabei, die sich nicht ansatzweise mit den Komplikationen und Widersprüchlichkeiten des Reisens auseinandersetzen (wie z.B. den von dir hier angesprochenen postkolonialen Theorien). Dazu kommt, ganz wie du sagst, eine Geschichte liest sich immer besser, wenn das Reiseziel als maximal fremd (und sogar gefährlich) beschreiben wird. Das Bild von der „tipsy white dinner party“ finde ich sehr treffend!
    Alles Liebe, Stefan

  7. Hallo Ariane,
    ich musste deinen Artikel dreimal lesen und die Kommentare dazu. Beim ersten Lesen kam bei mir die Kritik zur den „koloniale Denkstrukturen“ raus, aber beim zweiten und dritten lesen kommt doch vielmehr die Kritik zu der Arbeit und den Ergebnissen von „Bloggern und Bloggerreisen“ raus!
    Zu dem Thema „koloniale Denkstrukturen“ stimme ich Oli (Weltreiseform) zu, denn das ist nicht nur ein Problem der „weißen Dinnerpartys“, sondern gibt es auch bei anderen Bloggern/Menschen andere kulturellen Abstammungen. Sorry, aber das betrifft jeden Menschen auf der Welt, nur beim anderen mehr oder weniger ausgeprägt.
    Was ich problematisch finde ist doch der Umgang mit Blogger- und Pressereisen! Diese spiegeln nie die Wahrheit eine Destination wieder! Die Teilnehmer werden auf solch einer Bloggerreise nur behätschelt, bekommen das Beste von Besten vorgesetzt und damit meine ich nicht nur das Essen.
    Und was ist das Ergebnisse einer Presse- Bloggerreise?! Da die Reisen meisten total gestrafft sind, bekommt der Teilnehmer doch nicht viel mit von der Destination, geschweige zu Kontakten mit Einheimischen und ehrlich gesagt sind diese Art von Pressereisen für einen Blogger sowas von schlecht. Nach der Reise muss sich ein Blogger dann etwas ausdenken (hier kommen dann deine koloniale Denkstrukturen ins Spiel, weil sie eigentlich nichts vom Land kennengelernt haben) um diese Pressereise irgendwie „lesbar“ zu machen! Der Mainstream will das lesen und sind wir mal ehrlich, welcher der Blogger-Teilnehmer wollte mit einem Local Bus mal durch Südafrika fahren? Ich denke keiner, denn meiner Meinung hätten sie das nicht gut überstanden.
    Wie Welt(Südafrika)fremd die Teilnehmer sind, sieht man an dieser Passage „Nachts auf der Straße in Johannesburg wollte ihm doch glatt jemand den Geldbeutel aus der Tasche ziehen. „So, I turned around and broke his nose.“, ja ist klar er hat dem Dieb die Nase gebrochen. Wäre er einmal durch Downtown gelaufen, dann hätte er vorher die Flasche über den Kopf gezogen bekommen oder wäre abgestochen worden, bevor der Dieb sich an sein „Wallet“ macht. Man, wenn mir jemand solch eine Geschichte erzählt, dann wird es mir schlecht. Aber so ist es halt, die Selbstdarstellung muss da sein und wird auch so rübergebracht und das ist das Problem!
    Dein Titel von diesem Blogpost lautet „Wer vom Reisen schreibt, der hat verdammt viel Verantwortung“ und JA da hast du Recht, aber mir stellt sich da die Frage „Welcher Blogpost einer Bloggerreise ist das?“ Hier sollte Verantwortung Einzug halten und das auch von den Destinationen.
    Lg Jens

    1. Lieber Jens, danke für deinen Kommentar!
      Selbstverständlich sind rassistische, stereotype Denkstrukturen kein „Alleinstellungsmerkmal“ weißer Menschen. Wir alle wachsen mit bestimmten Bildern im Kopf auf, die es erst mal zu „un-lernen“ gilt. Die „weißen Dinnerpartys“ im Zitat von Bani Amor beziehen sich zum einen darauf, dass die Reiseblogger*innen-Szene (im Fall des Zitats bezogen auf die USA, aber ist in Deutschland ähnlich) sehr weiß und wenig divers ist, zum anderen auf Ursprung und Wirkrichtung entsprechender Stereotype – weiße Menschen profitieren davon, People of Color werden dadurch ausgeschlossen.
      Danke für deine Gedanken zum Thema Pressereisen, da stimme ich dir zu! Auf Reisen, die weniger als eine Woche dauern und jeden Tag mindestens drei verschiedene Programmpunkte ansteuern, ist eigenes Erleben und Erfahren einfach nicht möglich. Letztendlich werden verwertbare Highlights angesteuert und eben auch so auf Blogs und Social Media weitergegeben. Allerdings sind nicht alle Destinationen so, viele setzen mittlerweile auch nicht mehr auf Gruppenreisen, sondern eher auf individuelle Kooperationen, bei denen sich Blogger*innen ihre Reise selbst „zusammenbauen“ können. Da kann man dann teils auch eigene Interessen unterbringen, alternative Kultur ansteuern, sich Kontakte vermitteln lassen etc. Und auch bei Gruppenreisen habe ich es öfter erlebt, dass beispielsweise Journalist*innen einzelne Punkte ausgelassen haben, um selbst irgendein spannendes Thema zu verfolgen oder Interviews zu führen. Da sehe ich dann nicht nur die Destinationen in der Pflicht, sondern auch die Teilnehmer*innen selbst, die sich meiner Erfahrung nach auch oft vom kostenlosen Programm „berieseln“ lassen.

  8. Sehr schön beschrieben und die Unterhaltung ist zum Fremdschämen.

    Die gröbsten solcher Fettnäpfchen-Treter kenne ich übrigens ebenfalls von großen Pressereisen. Meine Frau und ich wundern uns immer noch über das Bloggerpäarchen, das den Hindu-Kriegsgott mit seiner dominierenden Waffe vor den Batu-Höhlen in KL als „Buddha-Figur“ bezeichnet hat.

    Anyway, hier meine These: eine Pressereise mit mehr als 4 Teilnehmern ist eine furchtbare Idee und sollte so schnell wie möglich vergessen werden 😉

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