Ein virtueller Foto- und Fakten-Rundgang durchs Berliner Regierungsviertel

Es ist quasi Halbzeit für mich in Berlin. Drei Wochen bin ich schon hier, drei weitere werden folgen und wie das immer so ist, wenn man viel unterwegs ist, vor allem, wenn noch dazu viele Dinge ein bisschen chaotisch laufen: Die Zeit fliegt. Ich habe eine riesige Liste an Dingen, die ich hier noch tun möchte, und kann doch immer nur eine Sache auf einmal erledigen. Und zwischen all dem erleben und sehen, schmecken und hören, staunen und aufsaugen komme ich gar nicht mehr dazu, Blogposts über meine Erlebnisse zu schreiben oder auch nur Fotos zu schießen. So musste ich mir letztens extra vornehmen, endlich mal einige der Bundestagsgebäude fotografisch festzuhalten. Ich hatte wirklich Spaß daran und es ist mir unheimlich leicht gefallen, Bilder zu schießen, die mir gefallen – das Gebäude macht hier wohl jeweils das Foto, da muss man als Fotografin gar keinen großen Beitrag mehr leisten.

Die Architektur der bekanntesten Gebäude finde ich persönlich wirklich großartig. Lange Treppen, die sich über eine komplette Ebene ziehen, Brücken und Übergänge, von denen aus man einen großartigen Blick auf das ganze Gebäude hat, Kompositionen aus Glas, Metall und Beton, die trotzdem nicht langweilig wirken und riesige Dimensionen, die dennoch auf Protz verzichten. Vor allem das Zusammenspiel aus alt und neu gefällt mir, die alte Außenfassade des Reichstagsgebäudes mit der Glaskuppel, das moderne Beton-Innenleben, das hin und wieder von steinernen Bögen oder Inschriften durchbrochen wird… Nun ja, ich bin wirklich keine Architektur-Expertin, aber ich schaue mir solche tollen Gebäude gern an – und fotografiere dort selbstverständlich auch gerne. Und ich dachte, ich teile neben meinen Fotos mal ein paar Fakten, die ich in meinem Praktikum oder bei der einen oder anderen Führung aufgeschnappt habe. Kein Gewähr, dass alles stimmt, ich zitiere im Prinzip das meiste nur 😉 Viel Spaß beim Lesen!

1. Der Bundestag hat so viele Mitarbeiter wie eine ganze Kleinstadt Einwohner, nämlich rund 6.000. Davon sind „nur“ 631 Abgeordnete (mit dieser Zahl gehört der Bundestag übrigens tatsächlich zu den fünf größten Parlamenten der Welt), der größte Teil entfällt auf die Verwaltung. Dort gibt es jede Menge ganz verschiedener Berufe. Manche davon würde man gar nicht auf den ersten Blick erwarten – der Bundestag hat zum Beispiel ein eigenes Fernsehstudio, in dem Techniker arbeiten.

2. Wusstest du, dass der Bundestag eine eigene Polizei hat? Diese untersteht nicht wie die normale Polizei der Exekutive, sondern dem Bundestagspräsidenten. Das ist historisch begründet: In der Vergangenheit gab es diverse Fälle, in denen die Regierung die Polizei benutzte, um zum Beispiel das Parlamentsgebäude zu umstellen oder Parlamentarier zu schikanieren.

3. Der Entwurf für den Umbau des Reichstagsgebäudes sah erst eine komplette Überdachung mit Glas vor. Da das schlicht zu teuer war, überlegte sich der Architekt Alternativen. Die Zuständigen sprachen sich dann für die Kuppel aus, obwohl der Architekt diese eigentlich für den schlechteren Entwurf gehalten hatte. Er selbst befürwortete einen zylinderförmigen Überbau. Dennoch wurde das neu umgebaute Reichstagsgebäude mit Kuppel weltbekannt und zum Symbol der Hauptstadt. Mit über drei Millionen Besuchern jährlich ist das Reichstagsgebäude übrigens auch das meistbesuchte Parlament der Welt.

4. Wer „Bundestag“ hört, denkt wohl primär an das Reichstagsgebäude. Doch es gibt sehr viel mehr Gebäude. Das Jakob-Kaiser-Haus direkt neben dem Reichstagsgebäude beherbergt zum Beispiel Abgeordnetenbüros, das Paul-Löbe-Haus ist der Sitz der Ausschüsse und im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus befindet sich die Bibliothek des Bundestags. Die Verwaltung sitzt noch in vielen weiteren Gebäuden über ganz Berlin Mitte verteilt. Die größten und wichtigsten Gebäude sind durch Tunnel bzw. Brücken verbunden, um kurze Wege zu gewährleisten.

5. Das Kanzlerinnenamt, das Paul-Löbe-Haus und das Marie-Elisabeth-Lüders-Haus bilden die „Regierungsachse“ – von oben besonders gut zu erkennen. Ursprünglich sollte sich die Achse bis zur Friedrichstraße hinziehen, aber einige Häuser auf diesem Gebiet stehen unter Denkmalschutz, andere haben widerspenstige Besitzer, die nicht verkaufen wollen… So wird wohl erst einmal nichts mehr aus diesem Vorhaben.

6. Die Bibliothek des Bundestags gehört mit mehr als 1,4 Millionen Bänden zu den größten Parlamentsbibliotheken der Welt. Da die Bibliothek 1949 mit nur etwa 1000 Bänden startete, wirkt die Sammlung manchmal etwas zusammengewürfelt – vor allem alte Bücher mussten in Antiquariaten zusammengekauft werden. Ich mag mir persönlich gar nicht vorstellen, was für ein Aufwand es gewesen sein muss, die ganzen Bücher von 1991 bis 1999 von Bonn nach Berlin zu schaffen…

7. Der Bundestag ist verpflichtet, einen Teil seines Haushalts jährlich für Kunst auszugeben. Dabei kommen aber keine alten Museumsschinken an die Wand, sondern es werden vor allem junge deutsche Künstler unterstützt. In den einzelnen Gebäuden steht und hängt so einiges an Kunst, wobei man bei vielem den künstlerischen Aspekt vielleicht erst auf den zweiten Blick erkennt…

8. Wie Architekten so sind, ist zumindest in den wichtigen Gebäuden des Bundestags kaum etwas dem Zufall überlassen. Die Türklinken, Mülleimer und Telefonsäulen im Reichstagsgebäude sind zum Beispiel eigens dafür entworfen worden. Auch die Farbe der Stühle im Plenarsaal ist eigens „erfunden“ worden und wurde gleich als „Reichstag blue“ patentiert. Selbst die Schriftart der Bundestags-Website ist nicht einfach Arial oder Times New, sondern wurde von Designern eigens zu diesem Zweck entworfen. Durch die Vorgaben des Architekten gab es auch schon Probleme. So mussten Parlamentarier auf den Gängen stehen, weil der Architekt sich dagegen sträubte, Sofas aufzustellen. Letztlich wurden zwar Sofas installiert, man musste sie aber am Boden festschrauben, damit kein schief stehendes Sitzmöbel den Eindruck des Gebäudes schmälert…

9. Der Bundestag bemüht sich sehr um Nachhaltigkeit. So sind auf den meisten Gebäudedächern Solaranlagen installiert und es gibt diverse Anlagen und Speichermöglichkeiten, in denen die Sommerhitze gesammelt und im Winter als Heizung wieder abgegeben werden kann.

10. Das Reichstagsgebäude ist nicht das einzige Beispiel für die Kombination von Altem und Neuem. So wurde das Jakob-Kaiser-Haus um drei alte Berliner Wohnhäuser herum gebaut. Die Fassaden blieben erhalten, wurden teilweise mit Glas überzogen und fügen sich wunderbar in das moderne Drumherum ein. Auch innen kann man einige Details der alten Wohnhäuser betrachten, Treppenhäuser aus dunklem Holzboden, Stuck und Marmor… Man weiß gar nicht, wie einem geschieht, wenn man vom topmodernen Betongang in ein mit Teppich ausgelegtes altes Treppenhaus mit uralten verzierten Türen kommt. Ich finds klasse!

Gefallen dir die Bilder? Warst du auch schon einmal im oder um den Bundestag unterwegs?
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25 Gedanken zu “Ein virtueller Foto- und Fakten-Rundgang durchs Berliner Regierungsviertel”

  1. Die Fotos sind toll geworden, wirklich interessante Perspektiven und Eindrücke. Für politische Fakten bin ich nicht so empfänglich 😀 ich war auch schon in der Kuppel, haben in der 10. damals ne Abschlussfahrt nach Berlin gemacht 🙂 das war wirklich beeindruckend und der Ausblick war auch toll!

  2. Ich finde Fotos UND Fakten toll 🙂 Dass der Bundestag zu den größten Parlamenten gehört wusste ich zum Beispiel gar nicht, finde ich aber durchaus wissenswert. Kann man ja vielleicht irgendwann nochmal gebrauchen. Oder mit angeben 😉

    1. Das freut mich 🙂 Hehe, ja – so "Insider-Reiseführer-Wissen" ist perfekt, um andere Leute zum Staunen zu bringen. Und ich finde, gerade solche Fakten, die behält man irgendwie auf Lebenszeit, warum auch immer.

  3. Du hast einen sehr guten Blick für die besonderen Perspektiven, die jedes deiner Fotos zu etwas Einzigartigem machen. 😉 Vor Jahren war ich mal mit meiner Familie im Bundestag, aber da bin ich noch zur Grundschule gegangen. Als gebürtige Berlinerin sieht man immer zu wenig von den Sehenswürdigkeiten und Architektur-Wundern der eigenen Stadt. Dein Post hat mir auf jeden Fall, Lust gemacht mal als Einheimische wieder Touristin zu spielen. 🙂 LG

    1. Danke 🙂 Das freut mich!
      Das kenne ich – von meiner Heimatstadt kenne ich auch viel zu wenig. Und da, wo ich studiere, habe ich letztens festgestellt, dass ich seit zweieinhalb Jahren dort wohne und noch nie ein Museum besucht habe. Es würde sich wirklich lohnen, mal öfter mit Touri-Augen durch die Heimat zu streifen…

  4. Ich bin beeindruckt. Die Bilder sind super schön geworden und die ganzen Fakten.. einfach enorm interessant und super ausgearbeitet. Ich hoffe, du hast noch eine ganz schöne Zeit in Berlin und entdeckst weiterhin viele schöne Orte.

    Liebe Grüße
    Jule

  5. Wow, das sind ja wirklich beeindruckende Bilder *_* Vor allem die ganzen Spiegelungen gefallen mir richtig gut, das ist bestimmt ein Fotografen-Paradies 🙂 Mir gefällt das Bild mit der Treppe und dem Radfahrer am besten, außerdem finde ich es klasse, das du viele der Bilder in s/w bearbeitet hast 🙂

    Liebst,
    Aileen <3

  6. Ich war schon mehrfach in Berlin, aber die Zeit für intensives Sightseeing fehlte jedes Mal. Kenne leider alles nur von außen. Umso schöner finde ich deinen Bericht, der mir den Blick ins Innere erlaubt. Tolle Bilder! Steffi

    1. Es lohnt sich auf jeden Fall 🙂 Der Bundestag von innen ist wirklich spannend, jedes der bekanntesten Gebäude eigentlich. Man muss sich nur immer eine Weile vorher anmelden für Führungen & Co. Danke dir!

    1. Danke 🙂 Ja, es lohnt sich! Für Inneneinblicke muss man als "normale", nicht dort arbeitende Person dann eine Führung mitmachen. Aber die lohnt sich auf jeden Fall auch, da erfährt man viele spannende Dinge!

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