Projekt Fernweh – Japan oder: Die Entdeckung des Fernwehs

Der heutige Fernweh-Beitrag hat mich jubeln lassen. Er ist nicht nur unglaublich toll geschrieben und hat wunderschöne Fotos im Gepäck, sondern er fängt das Projekt Fernweh einfach perfekt ein. Alexandra schreibt, wie sie das Fernweh gepackt hat, auf einer Reise nach Japan. Ausführliche Reiseberichte findet ihr (neben tollen Zeichnungen!) nach und nach auf ihrem Blog Papieraugen

Ich bin nicht der Abenteuertyp. Wenn mir Kommilitonen erzählen, dass sie zwei Monate mit dem Rucksack durch Südostasien oder sonst wo herumgewandert sind, da bin ich ehrfurchtsvoll, aber nicht neidisch. Mir bricht schon beim Gedanken an so ein Wagnis der kalte Schweiß aus. Deswegen war trotz meiner Neugier auf andere Kulturen Fernweh nie ein Gefühl, das ich von der Tiefe meines Herzens nachvollziehen konnte. Die meisten Länder reizen mich in dieser Hinsicht nicht genug, um mich wirklich aufzumachen, sie zu entdecken. Nun, alle bis auf eines: Japan.

Mein Freund wollte sich dieses Jahr den Traum einer Japanreise endlich verwirklichen und beharrte lange darauf, dass ich doch mitkommen könne. Zuerst sagte ich nein, aber der Gedanke setzte sich fest. Nach einigem Hin-und-Her-Überlegen, gutem Zuspruch von Freunden und Familie fiel der Entschluss: jetzt oder nie! Wir buchten also 2 Mal Direktflug nach Ōsaka plus 2 Wochen in einem Hotel direkt im Herzen der Stadt. Ein gezähmtes Abenteuer, aber immer noch aufregend genug für einen Angsthasen wie mich.

Und es hat sich gelohnt: nachdem der Jetlag nicht mehr die gesamte Wahrnehmung negativ übertünchte, stellte sich schnell das Gefühl ein, hier richtig zu sein. Mit jedem Tag wurde man mehr hineingezogen in diese neue Welt, war von der wundervollen Sprache umgeben, konnte Dinge sehen, die man jahrelang nur auf Bildern angehimmelt hatte. Ich war vorbereitet, dass Japan anders sein würde, aber die Erfahrung war dermaßen überwältigend, dass sie mir im Nachhinein fast ein wenig unwirklich vorkommt. So habe ich neben zahmen Rehen auch einen Hai gestreichelt, die beste Nudelsuppe meines Lebens gegessen, eine Katze kennengelernt, die Chefin eines Bahnhofs ist, sowie beeindruckende Tempel und die schönsten Gärten gesehen. Alle Erlebnisse waren stets gewürzt mit einer kleinen Prise Verrücktheit, die mir Japan noch liebenswerter machte.

Bei der Rückkehr nach Deutschland dann ein regelrechter Schock. Wie kann sich nach zwei Wochen woanders das eigene Land schon so fremd anfühlen? Während unseres Urlaubs war der Herbst eingebrochen, die Deutsche Bahn bereitete uns mit ausfallenden Zügen und Hetzerei ein typisches Willkommen und so saßen wir bibbernd auf dem Bahnsteig und wünschten, wir könnten gleich wieder zurück. Nach dem bunt beleuchteten, lebendigen Ōsaka kam uns unsere eigene Stadt wie ein graues Einerlei vor. Und da war es zum ersten Mal: dieses komische Stechen im Herzen, ein schmerzhaftes Sehnen fast wie bei Liebeskummer. Sollte das dieses ominöse Fernweh sein? So verzehrend hatte ich mir das aber nicht vorgestellt! Es dämmerte mir langsam, was die Reisesüchtigen dieser Welt antrieb.
Noch schlimmer die Realisierung: es gibt so vieles, was ich nicht gesehen habe, so viele Dinge, die ich nicht probieren konnte. Was ich erlebt habe ist nur ein so winziger Teil dieses Landes, von dem ich nicht mehr genug bekommen kann. Ich will Japan während der Kirschblüte bewundern, den Fujisan sehen (und vielleicht sogar erklimmen?), die Katzeninsel besuchen, und jede Facette auf die Festplatte in meinem Gehirn einbrennen.
Wie bei einer frischen Liebe, in die so langsam die Routine einkehrt, ist das drängende Gefühl nun nach ein paar Wochen nicht mehr ganz so schlimm. Trotzdem erinnern mich fast jeden Tag Kleinigkeiten im deutschen Alltag wieder an die Erlebnisse in Japan und lassen mich kurz lächeln. Eine neue Reise werde ich mir wahrscheinlich erst in ein paar Jahren wieder leisten können. Bis dahin muss ich von meinen Erinnerungen zehren und lernen, mich mit dem Fernweh anzufreunden. Aber eins ist sicher: Ich kann gar nicht anders, als wieder zu kommen!

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9 Gedanken zu “Projekt Fernweh – Japan oder: Die Entdeckung des Fernwehs”

  1. Echt interessant geschrieben, zumal hier das "Projekt Fernweh" wortwörtlich genommen wird und weniger das Land sondern eher das Gefühl von Fernweh beschrieben wird. 🙂

  2. Super Beitrag zu deinem Projekt! Ich bin zwar selbst nicht so der Japan Fan, aber gerade durch die Entdeckung des Fernwehs in dieser Geschichte, habe ich den Beitrag gerne gelesen und wurde ich neugierig gemacht auf ihren Blog 🙂

  3. Als Kind fand ich Japan faszinierend – von dem was ich so gelesen und auf Bildern gesehen habe. Heute reizt es mich nicht mehr so, weil ich gemerkt habe, dass mich Städte auf Reisen eher wenig interessieren. Da suche ich lieber Ruhe und Abgeschiedenheit in der Natur.
    Aber ich habe deinen Beitrag trotzdem sehr gern gelesen:) Willkommen im Kreise der Fernweh-geplagten;)

  4. Was für ein wundervoller Beitrag, sowohl vom Text her als auch die Bilder! Ich muss sagen, dass ich bisher nie über Europa hinausreisen konnte, deshalb war mein Fernweh nie so groß… Ich habe höchstens "Meerweh", da ich die Weite und das Gefuhl das man am Strand hat immer vermisse. Ein Land, das mich sehr reizt ist Vietnam und ich habe auch vor in den nächsten Jahren dorthin zu reisen. Ich fände es so schön etwas mehr von der Welt und ihren unterschiedlichsten Kulturen zu erfahren und mag es immer sehr darüber zu lesen!

    Liebe Grüße,
    Julia 🙂

  5. Wirklich ein perfekter Beitrag zum Fernweh-Projekt! Hach, und ich kann dieses Gefühl, das sich da ganz unerwartet aber unaufhaltsam breitmacht, so gut nachvollziehen. Muss mich demnächst echt mal aufraffen und ne Fortsetzung zu meinem Fernweh-Post schreiben…
    Liebe Grüße
    Christiane

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